Glaube doch bitte jede:r, was er oder sie mag. Die Gedanken sind frei, die Religion ohnehin und wer mit Dung gefüllte Kuhhörner im Acker vergraben möchte, soll es doch tun - wo ist also das Problem? Eine Folge über die Anthroposophie und zugleich ein Lehrstück darüber, wie leicht wir als Gesellschaft gewillt sind, alle Wissenschaft und alles kritische Denken fahren zu lassen. Zu Gast in dieser Folge ist Oliver Rautenberg, Journalist und Blogger, bekannt als „Der AnthroBlogger“.

Anthroposophie begegnet uns in Waldorfschulen (wenig überraschend), in der Ernährung (schon überraschender) und in der Medizin (in der Medizin?!?). Ausgedacht hat sie der „Universalscharlatan“ und Hauslehrer Rudolf Steiner. Ein paar Fakten über Anthroposophie:

  • Waldorfpädagogik ist nichts als eine Erfindung im Auftrag eines Zigarettenmagnaten. Waldorfschulen lehren Esoterik und Wissenschaft unterschiedlos nebeneinander. Ein Grundidee: Wir alle sind Wiedergeborene - allerdings ist der Prozess bei der Geburt noch nicht abgeschlossen. In 7-Jahres-Schritten erhalten Menschen Zeit ihres Lebens neue Körperhüllen. Danach bemisst sich, was ein junger Mensch kennt - und kennen darf. Fakten zum Beispiel seien in den ersten beiden Jahrsiebten schädlich. Anthroposophie ist damit auch eine Erziehung zur Unmündigkeit, die Kinder bewusst vor Fakten schützen will. Fakten erst ab 14.
  • Auch schön: Jedes Kind vollzieht mit seiner Entwicklung die Entwicklung der Menschheit noch einmal nach. Dank Rudolf Steiner wissen wir: Mit zehn Jahren ist das Kind gerade ein Germane. Entsprechend sind bei den Zehnjährigen die Germanen dran. Anschließend Römer. Ist das den Schüler:innen transparent? Vorsicht bei Fakten im zweiten Jahrsiebt…
  • Kaum sinnvoller in der Medizin: Apotheken verkaufen Mittel, die keinerlei Wirknachweis erbringen mussten (und es auch gar nicht könnten) - an Menschen, die glauben, dass ihnen das hilft. Damit veredeln Apotheken Pseudomedizin. Und Krankenkassen zahlen die Party. Man gehe einmal durch eine durchschnittliche Apotheke und suche zwischen Dr. Hauschka und Weleda die Hinweise auf anthroposophische Wurzeln. Ein erstaunliches Bild.
  • Es gibt eine Linie nach rechts: Waldorfschulen - Impfskeptiker - Querdenker … und weiter. In der Pandemie waren etliche Waldorfschulen regelrechte Corona-Zentren. Möglicherweise noch schwerwiegender: Eines von 1.000 Kindern, das an Masern erkrankt, stirbt an der Krankheit. Kinder an Waldorfschulen haben ein 50fach erhöhtes Risiko, sich mit Masern anzustecken. Wer Mathematik nicht auf einer Waldorfschule gelernt hat, hat deutlich bessere Chancen auszurechnen, was das bedeutet.
  • Die Anthroposophie neigt zu der Einordnung, Krankheit sei wichtig für die Entwicklung, also nützlich. Vielfach auch noch eine Art Restschuld aus früheren Leben, der Kranke also selber schuld. Was machen dann anthroposophische Krankenhäuser anderes als Medizin?

Und dann ist da die Sache mit Kackhörnchen

Wer ein „Demeter“-Siegel für seine Produkte haben möchte, muss (!) im Herbst mit Dung gefüllte Kuhhörner im Boden vergraben. Diese fungieren als Antennen und sammeln über den Winter kosmische Energie. Im Frühjahr werden die Hörner ausgegraben, der kosmisch aufgeladene Dung homöopathisch gestreckt, bis kein Dung mehr messbar ist, und das ganze dann auf dem Feld ausgebracht. Demeter nennt das biodynamische Landwirtschaft und kontrolliert das. Und könnte man das noch weglächeln, die Weigerung, Tiere zu Impfen oder anders als homöopathisch zu behandeln, verursacht echtes und vermeidbares Tierleid.

Warum das Ganze ein Lehrstück ist?

Es scheint, das Unbehagen mit Wissenschaft und Entwicklung ist so groß, dass auch noch die obskursten Alternativen eine gewisse Attraktivität entwickeln. Was wir im Kontext der Anthroposophie sehen, ist kein harmloser Blödsinn, sondern gefährlich, so Oliver. Er plädiert für mehr Grau zwischen Schwarz und Weiß. Brauchen wir eine andere Landwirtschaft, Pädagogik, Medizin? Sicher. Allerdings eine Landwirtschaft die uns Menschen nährt, eine Pädagogik, die Kinder ernst nimmt und in die Lage versetzt, sich in unserer Welt selbstbewusst zu bewegen, und eine Medizin, die den ganzen Menschen in den Blick nimmt.

Zu Gast: Oliver Rautenberg, der "AnthroBlogger", Freier Journalist und Podcaster

Olivers Blog: https://anthroposophie.home.blog

Olivers Podcast: https://waldorfsalat.letscast.fm