Das europäische Wunder. Gerald Knaus, Migrationsforscher
Europa befindet sich in einer historischen Ausnahmesituation: zwischen Erfolgsgeschichte und Kulturpessimismus.
Die Europäische Union sichert als einzigartiger, freiwilliger Staatenverbund Wohlstand und Frieden; gleichzeitig untergraben populistische Untergangsnarrative das Vertrauen in unsere Demokratie. Michael und Gerald tauchen ein in die Leidenschaft für das europäische Modell. Eine Übung in Gut-, statt Schlechtreden.
- Freiwillige Integration als einzigartiges Erfolgsmodell: Im Gegensatz zu historischen Imperien oder autoritären Machtblöcken beruht die Europäische Union auf der freiwilligen Vereinigung souveräner Staaten. Dieser rahmenlose Schutz von Identität, Wohlstand und Binnenmarkt zieht Nachbarstaaten magnetisch an und unterscheidet Europa grundlegend von imperialen Machtsystemen wie Russland oder China.
- Der gefährliche Einfluss des modernen Kulturpessimismus: Die systematische Verbreitung von Untergangsnarrativen durch politische Ränder und gesellschaftliche Eliten gefährdet den Zusammenhalt demokratischer Gemeinwesen. Wer aus Unwissenheit oder politischem Kalkül reale Erfolgsgeschichten wie die europäischen Erweiterungen leugnet, ebnet den Weg für die Zerstörung mühsam aufgebauter demokratischer Institutionen.
- Unperfekte Helden und die Kraft neuer Narrative: Die Gründerväter und historischen Meilensteine Europas werden oft nicht mehr verstanden oder in ihrer menschlichen Komplexität erzählt. Um ein gesundes demokratisches Selbstbewusstsein zu stärken, müssen wir wieder lernen, packende, ehrliche und inspirierende Geschichten über das Gelingen von Frieden, Wohlstand und Kooperation auf unserem Kontinent zu vermitteln.
Automatisiertes Transkript der Folge lesen
Hallo Gerald, wie schön, dass du da bist. Hallo, grüß dich. Sag mal, um mal gleich mit der Tür ins
Haus zu fallen, du hast mal die schöne Formulierung gebraucht, jedenfalls habe ich sie im Bezug
zu dir gefunden, Europa sei so etwas wie ein politisches Wunder.
Hat sich das irgendwie ausgewundert, oder ist das abgeschliffen, oder wie schätzt du das ein?
Nein, ich habe sogar ein ganzes Buch dazu geschrieben und schreibe jetzt gerade das neue
Vorwort, weil es als Taschenbuch noch einmal herauskommt bald, mit meiner Tochter. Und ich
spreche sehr, sehr viel über dieses Wunder, weil es eben heute auch gefährdet ist. Aber um zu
sehen, warum uns das Sorgen machen muss, müssen wir erst verstehen, warum es ein Wunder
ist.
Und ich mache es ganz konkret vielleicht an zwei Orten, wo ich in den letzten Wochen war. Wer
heute nach Tallinn fährt, Hauptstadt von Estland, der kommt in eine wunderbare mittelalterliche
Kleinstadt, also eine Hauptstadt natürlich, aber relativ klein für eine europäische Hauptstadt, in
einem wunderbaren, faszinierenden kleinen Land mit irgendwie 1,3 Millionen Einwohnern, das so
wohlhabend, so friedlich, so demokratisch, so kreativ, so offen und attraktiv ist wie noch nie in
seiner Geschichte. Also Estland ging jetzt in den letzten Jahrzehnten so gut wie noch nie als
kleines Land, das in der Geschichte ununterbrochen besetzt, überwältigt, unterdrückt von
größeren Mächten erobert wurde.
Und dann am anderen Ende, ich war letzte Woche in Baskenland, also ich war in Spanien und
war dann einige Tage in Baskenland. Das ist jetzt eine der Regionen in Spanien mit viel
Autonomie. Es gab noch nie so viele Menschen, die Baskisch sprechen in der Weltgeschichte
wie heute, weil die Schüler lernen seit einigen Jahren alle in der Schule Baskisch.
Also die Sprache hat eine Blüte, die Baskische Kultur lebt auf, aber gleichzeitig ist es natürlich
Teil eines erfolgreichen Spaniens. Alle in Bilbao reden natürlich auch Spanisch. Die Stadt ist
vielfältiger wie je zuvor, wohlhabender wie je zuvor, eines der besten Gesundheitssysteme in
Spanien, eine Industriestadt, eine saubere Stadt, die war vor einigen Jahrzehnten in einer tiefen
wirtschaftlichen Krise, aber vor allem eine friedliche Stadt.
Auch das Baskenland, die letzten 200 Jahre, ein Krieg nach dem anderen, ein Bürgerkrieg, die
faschistische Diktatur von Franco, der Terror der Äther, radikaler baskischer Ultranationalisten,
der Terror... Das ist zum Kernbestand meiner Erinnerung an Nachrichtensendungen aus meiner
Kindheit und Jugend. Die Äther gibt es nicht mehr. Die Äther gibt es nicht mehr und in den letzten
über 10 Jahren ist das Baskenland so friedlich, so wohlhabend, so vielfältig, kulturell reich wie
noch nie.
Das sind jetzt zwei ganz unterschiedliche Gruppen, die Ästen, die Basken, aber ich könnte 15, 20
andere Beispiele aufzählen. Ich könnte über die Iren sprechen, über die Portugiesen sprechen,
über die Finnen sprechen, über die Rumänen sprechen. Und was alle gemeinsam haben, und
jetzt kommen wir zu diesem europäischen Punkt, die Basken und die Ästen teilen ihre Währung,
sie teilen den Binnenmarkt.
Jeder Äste kann im Baskengang studieren und jeder Baske in Estland. Sie sind Teil des größten
Binnenmarkts ohne Barrieren, also diese vier Freiheiten, zwischen Demokratien in der Welt. Sie
haben keine Angst vor ihren Nachbarn.
Sie haben keine Angst, im Fall der Estlands haben sie heute Sorge vor Russland, aber sie
fürchten nicht mehr ihre demokratischen Nachbarn. Sie sind im Schengen-Raum. Sie haben
gemeinsame Gerichte in Luxemburg für das europäische Recht und in Straßburg für die
Menschenrechte.
Und wenn man das zusammennimmt, erkennt man, dass dieser Rahmen, in dem die kleinen
Länder, die kleinen, im Falle des Baskengangs, die kleinen Gruppen in Europa ihre Identität
bewahren können, pflegen können, ohne Angst vor anderen, vor Unterdrückung, dieser Rahmen
ist das Wunder. Und das ist ein europäischer Rahmen, dem man beitreten kann. Es hat
begonnen mit sechs Staaten in den 50er Jahren und dann wuchs es auf neun, zwölf, fünfzehn,
siebenundzwanzig.
Und heute gibt es zehn Kandidaten. Dann gibt es die Mikrostaaten, die schon mittendrin sind, wie
Andorra und San Marino und Monaco und der Vatikan. Dann gibt es die Schengen-Staaten, die
auch schon eigentlich mittendrin sind, nicht in der EU, aber integriert, wie Island und Norwegen
und die Schweiz und Liechtenstein.
Und wir erkennen, dass hier ein Rahmen für Europa geschaffen wurde, der eine Sicherheit, ein
Vertrauen zwischen den Staaten, die drinnen sind, geschaffen hat, einen Wohlstand.
Deutschland exportierte in den ersten sechs Monaten dieses Jahres mehr nach Polen,
Tschechien, Ungarn und Rumänien als in die USA und China kombiniert zusammen. Und
während die Exporte in die USA und China runter gehen, gehen sie in die Nachbarstaaten in der
EU im Osten rauf.
Das heißt, wir haben einen Rahmen, der für den Wohlstand der Basken, der Ästen, der Rumänen
und der Deutschen einzigartig ist. Und das Spannendste ist, er ist nicht entstanden, wie solche
Gebilde, die großen Gebilde normalerweise entstehen, durch Eroberung, durch Gewalt, durch
Unterdrückung, imperial. Also das wäre ja zum Beispiel das russische Modell.
Also die Franzosen hatten auch mal das zweitgrößte Imperium der Welt und zwar noch nicht so
lange her. Das war am Zweiten Weltkrieg. Auch die Briten.
Die Portugiesen haben noch Kriege geführt in Ost- und Westafrika. Aber heute sind diese
europäischen Staaten in einem Rahmen, und jetzt kann man ganz viel kritisieren an Einzelnen,
wie in jeder menschlichen Konstruktion, aber der Rahmen ist einzigartig. Und meine Tochter und
ihre Generation, sie ist ja 26, wenn sie dann spricht in unseren gemeinsamen Vorträgen in
Schulen über ihre Mitstudenten, mit denen sie an der Uni war in Amsterdam, heute in Estland, in
Georgien, in der Ukraine, auch in Dänemark, dann erzählt sie immer über junge Menschen,
denen sehr bewusst ist, dass dieses Wunder für sie entweder in Finnland, Dänemark, Estland zu
verteidigen ist, oder das ist, was sie für ihre Länder wünschen, in Georgien oder in der Ukraine.
Dann wird das konkret. Also es geht darum, ob auch in den nächsten 40 Jahren die Dänen und
die Polen keine Angst vor Deutschland haben. Oder ob bei uns das passiert, und wie schnell das
geht, sehen wir zwischen den USA und Kanada, diese Wochen, ob das bei uns auch passiert,
dass auf einmal wieder kleinere Länder und große Länder voreinander Angst haben müssen,
Handelskriege losbrechen, Grenzen verhärten, dass wir das für, dass wir daran gar nicht denken,
rund um Deutschland heute, das ist ein Wunder.
Du hast so im Vorbeigehen einen Fakt erwähnt, den ich oft übersehen finde. Nämlich, dass es
eine Liste von Ländern gibt, die diesem System beitreten möchte, sich darum aktiv kümmert. Das
unterscheidet, wenn ich es richtig sehe, die EU vollständig von der russischen Einflusssphäre.
Da würde niemand auf die Idee kommen zu sagen, da möchte ich gerne freiwillig mitspielen.
Genauso dem US-amerikanischen Modell. Und ich weiß auch niemanden, der freiwillig in China
Mitglied werden möchte.
Ja, und die meisten Imperien entstanden durch Druck, Eroberungen, durch Gewalt. Das
Entscheidende, ich habe darum über Europa viel geredet, aber mich erstaunt immer, wie wenig
Menschen die zentralen Realitäten dieses heutigen Europas verstehen. Das Zentrale an dieser
europäischen Konstruktion, die begonnen hat mit sechs Ländern, die drei Benelux-Staaten,
Frankreich, Italien und Deutschland.
Westdeutschland, also die BRD. Sechs Länder tun sich zusammen, freiwillig, ohne Gewalt, ohne
Zwang, ohne Druck. Dass aus diesen sechs Ländern etwas wird, was den gesamten Kontinent
friedlich, geopolitisch revolutioniert, weil auch ehemalige Kolonien, die um ihre Unabhängigkeit
gekämpft haben, wie die Iren oder die Zyprioten, wie die Essen und Letten und Litauer,
erkennen, dieser Verbund ist anders als ein Imperium.
Da können sie ihre Identität, ihre Unabhängigkeit nicht nur bewahren, sondern sogar stärken.
Beispiel Estland, Beispiel baltische Staaten, Beispiel das Baskenland, weil sie einen Rahmen
haben von Sicherheit und Ruhestand. Und sie können beitreten ohne Zwang.
Man kann theoretisch auch immer austreten. Die Briten haben es bewiesen, in den 80er Jahren
sind die Grönländer nicht aus Dänemark, im Königreich, da bleiben sie, aber aus der
europäischen Wirtschaftsgemeinschaft ausgetreten. Ein freiwilliger Verbund und der große
Unterschied, selbst zu den erfolgreichsten Föderationen der Welt, also die USA oder die
Schweiz, und wir beschreiben das in unserem Buch, wie die entstanden sind.
Im Krieg. Die Schweiz, die Schweizer Föderation mit Bundesinstitutionen, wo Kantone auch
überstimmt werden können, entstand im Sonderbundkrieg 1847. Da sind Armeen einiger
Kantone gegen andere Kantone losgezogen und haben Luzern erobert.
Der Krieg war zum Glück für die Schweizer kurz. Der General, der den Krieg geführt hat, der
große Held der Schweiz, die Dufour-Spitze, der hohe Berg heißt nach ihm, sein Denkmal steht in
Genf, keiner im Rest Europas kennt ihn, ich frage immer bei jedem Vortrag, sage ich, wer kennt
den Schweizer großen Nationalhelden? Seine Genialität war, dass der Krieg sehr kurz dauerte,
wenige Opfer, aber es war ein Krieg. Und nach dem Krieg wurde eine neue Verfassung
geschrieben.
Und damit war die Schweiz mehr als nur ein loses Bündnis aus Kantonen, wo jeder Kanton voll
souverän war. Die USA hatten fünf Jahre Bürgerkrieg, um dieses Prinzip unter Abraham Lincoln
zu etablieren. In Europa wird es das nie geben.
In Europa wird es nie ein Zentrum geben, das einen Mitgliedstaat mit Gewalt an irgendetwas
hindert, ja zwingen kann. Es gibt keine europäische Nationalgarde. Es gibt keine europäische
Exekutive oder Polizei, die in den Mitgliedstaaten etwas durchsetzen kann.
Und da liegt das Geheimnis dieses Erfolges. Dass kleine Länder nicht das Gefühl haben, sie
treten bei und es ist irreversibel und sie geben auf und ab dann sind sie nur noch eine Provinz,
eine Region eines großen Ganzen. Nein.
Sie bleiben souverän und sie sitzen in manchen Institutionen, sitzen sie gleichberechtigt mit den
Großmächten am Tisch, aber fürchten die großen europäischen Staaten nicht. Und das ist so
attraktiv, dass von den nochmal, das große Bild ist so beeindruckend, aber es wird selten so
präsentiert. Wir haben 50 Staaten in Europa heute.
46 sind in diesem Club der europäischen Staaten im Europarat und 4 nicht, aber könnten dabei
sein. Drei, also die Russen wurden rausgeschmissen nach dem Angriff auf die Ukraine 2022.
Belarus ist nicht drin wegen der Todesstrafe und der Diktatur.
Der Vatikan ist nicht drin, weil es dort keine Wahlen gibt. Der Papst hat kein Parlament und es ist
eigentlich eine absolute Monarchie. Und Kosovo bewirbt sich gerade und könnte beitreten.
Also 4 und 46, 50 Staaten. Von diesen 50 Staaten sind heute 27 in der Europäischen Union, 4
Mikrostaaten mitten in der Union, die sind nur nicht beigetreten, weil sie zu klein sind, also
Andorra und Monaco und Lichtenstein, Andorra, Monaco, San Marino und der Vatikan. 4 sind in
Schengen, Lichtenstein, die Schweiz, Island und Norwegen.
Also das sind 8 und 27, sind wir bei 35, 10 wollen beitreten, sind jetzt Kandidaten, 45 und in den
übrigen 5 sind 3 Diktaturen, Russland, Belarus und Aserbaidschan. Die Briten, die rausgegangen
sind und wahrscheinlich in irgendeiner Form wiederkommen und Armenien, das in den letzten
Wochen gesagt hat, sie wollen auch ein Kandidat sein. Also in einem Kontinent aus 50 Staaten,
bis auf die 3 Diktaturen, will in irgendeiner Form jeder entweder Vollmitglied oder Schengen-
Mitglied oder Teil des Binnenmarktes dabei sein.
Und das freiwillig. Und das ist als Ordnungsprinzip in einer Welt, wo wir immer wieder hören, wir
leben in einer Welt der Raubtiere, wo die Großmächte machen, was sie wollen, wo Grenzen
verschoben werden, weil irgendein Herrscher sagt, ich will jetzt Kanada zur 51. Bundesstaat der
USA machen, ich will mir Grönland nehmen, ich nehme mir ein Stück von Georgien, ich nehme
mir die Ukraine.
In einer Welt, wie wir sie kennen, aus Jahrhunderten der Geschichte von Großmächten, Staaten,
Kriegen, Imperien, ist dieses Wunder friedlicher Integration, das allen nützt, weil alle jetzt
investieren, exportieren, kaufen, reisen, studieren können bei den anderen und wenn sie sich
jetzt gemeinsam noch nach außen hin schützen könnten gegen Angriffe, dann können wir dieses
Wunder auch für unsere Kinder und Enkel bewahren. Und das ist jetzt die Herausforderung. Über
nach außen schützen reden wir gleich noch und klopfen vielleicht nochmal so ein paar Faktoren
ab, die uns eine Idee davon geben, wo die Zukunft dieses Modells liegt.
Aber einmal noch, um das abzurunden, was du geschildert hast, wenn ich dir folge, müssten wir
alle doch vor Selbstbewusstsein platzen. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass wir das tun.
Nein, im Gegenteil.
Ja, aber deswegen frage ich ja. Ja, weil, jetzt komme ich auf einen Schlüsselpunkt. Die Basken,
das ist eine, also ich bin mit einem ganzen Stapel, wenn ich so Reisen mache, das habe ich
professionelle Deformation, als ich studiert habe, war ich auch immer Studienreisenleiter in der
ganzen Welt mit so Touristengruppen und bei jeder Studienreise habe ich mir einen ganzen
Stapel Bücher gekauft und natürlich gelesen und jetzt, wenn ich irgendwo hinfahre, ich war fünf
Tage in Baskenland, ganze Stapel Geschichtsbücher über das Baskenland, ich lese diese
Bücher und denke mir, das ist dieses Wunder.
Ich gehe durch Bilbao, ich schaue mir die ehemalige Industriezone an, der Fluss ist sauber, man
merkt, es war mal eine echte, es ist noch eine Arbeiterstadt, also es ist eine Stadt mit echt
Industrie, aber unvergleichbar. So, dann lese ich über die Geschichte Spaniens, die hat mich
immer schon unglaublich fasziniert, dieser Übergang von diesem extrem konservativen,
reaktionären, macho, Franco-Staat, wo Frauen wirklich überhaupt keine Rechte hatten, wo
Minderheiten, wo alles katholisch war, Minderheiten wurden unterdrückt, hin zu einem
unglaublich erfolgreichen, ja, multilingualen, liberalen Staat wie Spanien. Dieser Übergang.
Und dann sehe ich das in Bilbao und dann gehe ich ins Museum, das baskische
Nationalmuseum und denke mir, jetzt bin ich mal gespannt, wie die diese Geschichte erzählen.
Naja, wird nicht erzählt. Diese Geschichte wird nicht erzählt.
Da ist dann eine postmoderne Ausstellung, also das war mein Eindruck, ein tolles Gebäude,
keine Geschichte. Hier etwas über baskische Gesänge, hier etwas über baskische Folklore, hier
etwas über baskische Geräte des Alltags. Also ich bin hoch interessiert an Museen, an
Geschichte, an Kultur, wie gesagt, viele Jahre habe ich mein Geld damit verdient, Leute durch
Museen zu führen und ich war total enttäuscht.
Und dann ist mir sofort in den Kopf gekommen, so ist es eigentlich überall. In den meisten
Museen in Europa schaffen wir es heute nicht mehr, Geschichten zu erzählen. Und wenn ich
über Europa nachdenke, jetzt eine Stufe zurück, wer kennt heute die großen Gründer und deren
dramatische Geschichten dieser Institutionen, über die ich gerade gesprochen habe.
Die Gründung des Europarats, was war damals die Idee, was waren die Kämpfe dahinter? Die
Gründung der ersten Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl. Jeder weiß, die gab es.
Da gab es eine Rede, 9. Mai, Schumann und was ist dann passiert? Kein Mensch weiß
irgendwas.
Es gibt kein gutes Buch darüber. Jean Monnet, der Große, Größte dieser Europäer, der
unglaubliche Beiträge geleistet hat, dass wir diese Institutionen haben. Seine fantastische
Autobiografie gibt es in Deutschland nicht mehr.
Die ist vergriffen. Nur im Antiquariat. Jetzt rede ich aber auch über die jüngere Vergangenheit.
Die unglaubliche Erweiterung dieses europäischen Wunders. Die Aufnahme der baltischen
Staaten, Rumänien, Bulgarien, die Tschechen, die Polen. Polen, Tschechen, Slowakei, Ungarn.
Ich bin aufgewachsen noch, mein großer Held waren Leute wie Vaclav Havel. Ich war an der Uni,
hörte über diesen großartigen Dissidenten, Schriftsteller, politischen Gefangenen und war dann
1990 in, also 89 noch, kurz nach dem Fall der Mauer, Dezember 89 in Bratislava und hörte dann,
der Mann kam aus dem Gefängnis und jetzt ist er Präsident. Der Dissident, der sich gegen den
Kommunismus gestellt hat, dass es aussichtslos schien.
Das waren so meine Helden meiner Jugend. Aber diese Geschichte, der hat dann gesagt, wir
brauchen die Erweiterung. Weil ohne die Erweiterung dieser Institutionen, NATO und EU,
kommen die Dämonen zurück.
Er hatte einen klaren Blick und er hatte vollkommen recht. Er hat gewarnt damals, er hat schon
gezeigt auf die Kriege auf dem Balkan, er hat gezeigt auch auf die Gefahr eines russischen
Nationalismus und hat gesagt, wir müssen dieses Haus konsolidieren. Die Geschichte dieser
Erweiterung, es gibt, ja, es gibt Politik, wissenschaftliche Bücher, aber packende Erzählungen,
wo klar wird, was die Menschen angetrieben hat.
Welche Erfahrungen, Tragödien, auch Misserfolge. Wir erzählen die Geschichten nicht. Und jetzt
haben wir dieses europäische Wunder, aber es wird uns ständig eingeredet, Europa ist ein
absteigender Kontinent.
Europa ist eben, ohne wissenschaftliche Bedingungen, verstorben, kriminalität und unsicherer
denn je. Es gab noch nie eine Zeit, in der es sicherer war. Jetzt mal abgesehen von russischen
Bedrohungen, über die können wir ja noch reden, aber sicherer war in Estland oder im
Baskenland oder in Deutschland oder in Sachsen-Anhalt.
Es gab noch nie so wenig Mord und Totschlag, gewaltsamen Tod in Deutschland, wie jetzt in
absoluten Zahlen. Es waren vor zehn Jahren mehr Menschen, die in Deutschland umgebracht
waren, vor 20, vor 30 und natürlich in der Vergangenheit. Diese Geschichte, uns wird eingeredet
und dahinter steckt natürlich eine politische Agenda, uns wird eingeredet, Europa ist korrupt,
Europa ist langsam, Europa ist schwerfällig, Europa zerstört uns und jetzt schaut man kurz
zurück und denkt sich, okay, die Vereinigten Staaten haben es geschafft, zu all ihren Nachbarn
schlechte Beziehungen zu haben, mit dem engsten Verbündeten Kanada einen Handelskrieg zu
haben, aber die Amerikaner blicken zu uns, dieses MAGA- Trump-Team und seine Verbündeten,
die großen Tech-Unternehmer, blicken zu uns und sagen, ihr seid im Niedergang.
Wovon reden sie? Unter den zehn kreativsten, innovativsten Gesellschaften in der Welt, Global
Innovation Index, da werden Patente angesehen und die Qualität der Universität und der
Forschung, unter den Top zehn, fünf Europäer, an der Spitze die Schweiz und Schweden, auch
darunter natürlich die Dänen und die Briten und ich glaube wirklich, dass wir ein Problem haben
der Eliten, darum gehe ich gerne im Podcast, darum halte ich viele Vorträge, weil wir ein Problem
haben, dass viele der Eliten in den letzten 20 Jahren das, was eine Demokratie auszeichnet,
nämlich kritisch zu sein, verwechselt haben mit einem fast schon krankhaften Herunterreißen
aller Mythen, alles zerstören, aber nicht den Mut zu haben, neue Geschichten zu erzählen, die
Menschen inspirieren. Also man erzählt dann lieber eine Geschichte, warum Helden eben keine
Helden sind, weil da war doch auch dies oder das in ihrer Vergangenheit. Ich finde das ja viel
spannender, wenn Menschen, die nicht perfekt sind, Großartiges schaffen, weil damit kann man
sich identifizieren.
Ich will jetzt keine Geschichte der großen Nationalhelden wie in der Türkei mit Atatürk, wo alles
immer perfekt war und die Kinder noch heute ... Ja, ja, und je länger es hier ist, desto makelloser
wird das Bild. Ja, ja. Nein, das ist ja dann wie in der Religion, das sind dann heilige Figuren, die
irgendwie von Gott auserwählt sind, mit denen sich die meisten nicht wirklich identifizieren
können.
Ja, aber das ist dann auch das Ende der Diskussion. Genau, aber die spannenden Geschichten
zu erzählen, wie ein Jean Monnet den Ersten Weltkrieg, die Zwischenkriegszeit im Völkerbund,
wo er stellvertretender Generalsekretär war, wo er sich sehr bemüht hat und er ist gescheitert,
den Zweiten Weltkrieg, wo sein Land besetzt wurde, wo er fliehen musste, dann die
Nachkriegszeit, wie diese Menschen, ich meine auch in Deutschland, ein Adenauer, was der
erlebt hat, in der Mitte seines Lebens war sein Leben eine Ruine. Er war in einem
nationalsozialistischen Deutschland immer am Rande verhaftet zu werden.
Seine Frau wurde verhaftet, er war unter Druck die ganze Zeit, alles wofür er stand, von seinem
Christentum über seine politischen Überzeugungen, alles schien aussichtslos. Diese Leute
haben diese Institutionen gebaut, weil sie aus diesen Erfahrungen gelernt haben. Die wussten,
wie schlimm es sein kann und jetzt haben wir diese Institutionen und anstatt, dass wir erzählen,
woher sie kamen, warum wir sie haben, warum wir sie brauchen und warum so viele, die wollen,
auch nur in Europa, dazukommen wollen, erzählen wir entweder gar keine Geschichten oder wir
fallen darauf herein, diesen Kulturpessimismus, alles geht, alles geht zum Ruin und das hat
natürlich eine politische Folge, denn wenn das so ist, dann müssen wir das alles wegräumen und
neu aufbauen, das Land vom Kopf auf die Füße stellen, wie Ulrich Sigmund immer sagt oder
Björn Höcke in Thüringen, der die gesamte deutsche Geschichte seit 1945, er beginnt in seinen
Reden, ich zitiere ihn jetzt, mit der Bombardierung von Dresden und sagt, nach Dresden folgte,
und das war Teil 2 des gleichen Programms, die Umerziehung der deutschen Eliten durch die
Besatzer und damit wurde im Krieg durch Bomben und dann durch den Aufbau dieses
Westdeutschlands die deutsche Identität zerstört.
Ja, wenn man natürlich will, dass all das, was die letzten 80 Jahre aufgebaut wurde, abgebaut
wird, dann erzählt man natürlich keine Erfolgsgeschichte, dann sagt man, das System ist am
Boden und wenn dann Publizisten dies eigentlich viel besser wissen müssen, ich habe jetzt
einige konkrete Namen im Kopf, aber ich will sie jetzt nicht nennen, aber auf einmal sagen, ja,
stimmt, die AfD hat einen Punkt, oder die in anderen Ländern, die ähnlich sind, denken wie die
AfD, die FPÖ in Österreich, die haben alle einen Punkt, wir sind am Ende, wenn wir nicht alles
radikal ändern, alle Eliten, alles, was die letzten Jahrzehnte aufgebaut wurde, das muss weg, und
dann fällt mir halt darauf, das ist genau der Diskurs in den 20er Jahren, der Untergang des
Abendlandes, und es gibt einen großartigen jüdisch-deutschen Historiker, amerikanischen
Historiker, Fritz Stern, der geschrieben hat über Kulturpessimismus als politische Gefahr, und
das ist der Punkt, auf den du angesprochen hast, wir sollten nicht zu viel Selbstvertrauen, jeder
Mensch, wir brauchen Selbstvertrauen, auch Gemeinwesen brauchen Selbstvertrauen, wir
müssen stolz sein auf das, was wir geschafft haben, das heißt nicht, dass wir mit stolzer Brust
herumlaufen, weil wir haben wirklich viele Probleme, aber wir brauchen diesen Kern, wir
brauchen dieses Vertrauen, dass das, was wir haben, Opfer beinhaltet, die andere für uns schon
gebracht haben, es ist ein Geschenk unserer Väter, unserer Großväter, es ist etwas, was wir
weitergeben müssen, bewahren müssen, erhalten müssen, und es ist ein Wunder, ein politisches
Wunder, dass wir, wenn wir es zerstören, nicht einfach wieder im Supermarkt vom Regal holen
können, weil unglaubliche Opfer gebracht wurden, dass wir es haben. Wir müssen ja auch
unterscheiden, ein gesundes und dir folgend verdientes Selbstbewusstsein ist ja etwas anderes,
als albern durch die Gegend gockeln. Das eine zu fordern, heißt ja nicht, das andere damit zu
meinen.
Absolut, ich habe dich auch so verstanden. Ich erzähle dir noch eine Geschichte aus unserem
Buch, weil wir haben über Robert Schumann gesprochen, das war der mit der Erklärung im Mai,
geboren im Deutschen Reich, deutscher Staatsbürger, er war dann Jurist in Metz, das war
damals Teil des Deutschen Kaiserreiches, hat in deutsche Städten studiert, sprach fließend
Deutsch, war engagiert in deutschen katholischen Verbänden, nach dem Ersten Weltkrieg wurde
Lothringen dann französisch, er war dann in der französischen Politik, im Zweiten Weltkrieg war
er dann unter Hausarrest, er hätte fast ins KZ eingeliefert werden sollen, und nach dem Zweiten
Weltkrieg im führender Politiker Frankreichs, Außenminister, Premierminister, und der hat dann
diesen Vorschlag gemacht mit der deutsch-französischen Ausführung, und hat sich dann danach,
also er hat eine Rede gehalten, aber er hat viel mehr gemacht, er hat sich dann dafür eingesetzt,
dass das auch umgesetzt wurde, also diese, man musste ja dafür werben, man musste ja auch
damals in Parlamenten Mehrheiten finden, und er war dann der erste Präsident der ersten
europäischen parlamentarischen Versammlung dieser Gemeinschaft. So, tolle Geschichte,
dramatische Geschichte.
Er war auch Außenminister und Premierminister in der Zeit der französischen Kolonialkriege.
Also er war auch, und das muss man so sagen, verantwortlich für Kriegsverbrechen, für Folter, er
war Justizminister zur Zeit des Algerienkrieges, 1955, und wie der geführt wurde, wissen wir
längst, und da gibt es auch viele, viele Quellenuntersuchungen, wir beschreiben das in unserem
Buch, er war Premierminister, als er aufstand in Madagaskar, brutalst niedergeschlagen wurde.
Er war Außenminister in der Zeit der Indokinakriege, acht Jahre Krieg von Frankreich im Gebiet
des heutigen Vietnam.
Und in dieser Rolle hat er, hat die gesamte französische Generation, die die vierte Republik
geschaffen hat, komplett versagt. Also der Mann, dem wir als französischer Premierminister die
europäische Wirtschaftsgemeinschaft verdanken, also diesen Vertrag von Rom, wo dann zum
ersten Mal diese großartige Vision, wir haben sie heute noch, wir profitieren davon, diese vier
Freiheiten, 1957, während da verhandelt wird in Rom über dieses großartige Friedensprojekt,
führt Frankreich einen brutalen Krieg in Algerien, die Schlacht von Algier, der Hauptstadt des
französischen Algeriens, heute Algerien, wurde in der Zeit geführt mit Massenfolter,
Hinrichtungen, Kriegsverbrechen. Der Mann, der dafür verantwortlich war, war der Mann, der mit
uns, also mit uns, mit den anderen, mit den Deutschen, den Niederländern, also Benelux und
Italien, die Gemeinschaft geschaffen hat.
Und was wir daran sagen ist, das ist jetzt ein Problem bei der Heiligsprechung von Schumann.
Der soll heiliggesprochen werden. Der Prozess läuft seit Jahrzehnten.
In Rom, da gibt es ein Amt für Heiligsprechungen, aber da es leider, leider, aus der Sicht
derjenigen, die ihn für einen Heiligen halten wollen, viele Dokumente gibt, und natürlich diese
ganze Kolonialgeschichte, wird das schwierig. Und ich sage, genau so ist es aber auch
realistisch. Es gibt in der Politik keine Heiligen, aber was es gibt, ist gesunde Ideen, Ideen, die
eine Chance haben, etwas zu schaffen, was dauerhaft hält, wie die europäische Integration, weil
das auf Respekt, auf Menschenwürde, auch auf Interessen und auf Freiwilligkeit beruht.
Und es gibt Ideen, die sind zum Scheitern verurteilt, weil sie auf Gewalt und Unterdrückung
beruhen, und das waren auch die Ideen der gleichen Menschen, die in Europa das Richtige
taten, aber in den Kolonien am Ende ja jeden dieser Kriege verloren haben. Und jetzt denke ich
natürlich auch an Wladimir Putin. Was er versucht, ist das Gegenteil.
Er versucht nicht die ehemaligen Nachbarstaaten Russlands, also ehemaligen Staaten der
Sowjetunion, jetzt Nachbarstaaten Russlands, irgendwie, das wäre ganz leicht gewesen in der
Ukraine, da gab es kein tiefes Ressentiment gegen Russland. Ich habe in der Ukraine gelebt, ich
habe dort Russisch gelernt und ich war in der Westukraine. Die Ukraine hat ihre Waffen
aufgegeben, ihre Atomwaffen, 94, weil sie keine Angst vor Russland hatte.
Es wäre leicht gewesen, da konstruktive Beziehungen aufzubauen, aber was nicht geht, was nie
geht, ist zu sagen, ich schicke jetzt Soldaten und ihr habt kein, euch gibt es nicht, eure Identität
gibt es nicht, ich erziehe euch jetzt um. Diese Kriege können unendlich viel zerstören, das ist ja
die Gefahr, aber sie werden nie gewonnen. Russland wird diesen letzten Kolonialkrieg verlieren.
Die Frage ist nur, wie viel es zerstört und wie viel es noch bei uns zerstört und natürlich in der
Ukraine. Und da lernen wir von den Gründern Europas. Wo sie erfolgreich waren, waren sie
großartig erfolgreich und sie verdienen jede Statue, jede Ehrung.
Wo sie gescheitert sind, lernen wir aus ihrem Scheitern. Das heißt, wir brauchen einen richtigen
Stolz. Stolz auf das, wo wir im Nachhinein sagen können, das hat zu Dingen geführt, die wir
behalten wollen, wir verdanken denen viel, unsere Kinder werden uns dankbar sein, wenn wir
das jetzt schützen.
Und kritisch gegenüber Dingen wie der Nordirland-Konflikt, der einzige bewaffnete Konflikt in
Westeuropa in den letzten Jahrzehnten. Welche falschen Ideen haben dazu geführt? Auf Seite
jetzt der irischen Ultranationalisten und Terroristen. Davor natürlich auch auf Seite der britischen
Kolonialherren.
Also das ist eine erwachsene Auseinandersetzung mit der Geschichte, aber nicht das
Davonlaufen vor Geschichten und das Nichterzählen von dem, was dazu geführt hat, dass wir
sind, wer wir sind. Identität ist der Schlüssel in jeder Gesellschaft. Wir dürfen den
Identitätsbegriff, den Stolz auf das, was wir heute in Europa und in jedem unserer Länder sind,
nicht den Rechtsradikalen überlassen.
Ja, aber da würde ich gerne mal einhacken, weil das ist ja, wenn wir jetzt mal den Blick ein
bisschen nach vorne werfen und gucken, wohin entwickelt sich das Ganze. Das ist ja eine der
zentralen Erzählungen von rechts. Wir sind bedroht davon, dass so viele Menschen von der
ganzen Welt hierher kommen und dann bleibt von unserer Identität nichts übrig und es wird dann
in irgendwelchen absurden Farben gemalt, als hätten wir kriegerische Auseinandersetzungen
längst hier im Land.
Da kann man ja, also wenn man dem glauben würde, kann man ja Angst kriegen. Das ist
natürlich alles frei erfunden. Also jedenfalls als große Erzählung.
Aber trotzdem stellt sich ja die Frage für Europa insgesamt, wie gehen wir an, du hast das
Stichwort Außengrenze schon genannt. Wie positionieren wir uns? Wie sind wir gegenüber dem
Rest der Welt aufgestellt? Es gibt die ganzen Geschichten von, auf der einen Seite haben wir
Russland stehen, da muss man sich mit militärischen und Sicherheitsüberlegungen beschäftigen.
Im Mittelmeer haben wir Frontex und Flüchtlingsboote.
Wir sehen, was in den spanischen Exklaven passiert und möglicherweise je nachdem, wie
schnell sich die klimatischen Verhältnisse auf diesem Globus weiter verändern, werden wir es ja
noch mit sehr viel mehr Menschen zu tun haben, die sagen, da im Norden ist eigentlich auch
ganz schön, da gehen wir mal hin. Wie schätzt du das ein? Also ich glaube, das ist der richtige
Übergang, denn die zentrale Erzählung, die dazu führt, dass wir jetzt Kulturpessimisten haben,
die überall erzählen, Europa ist im Niedergang und wir müssen grundsätzlich alles ändern. Wir
müssen die Menschenrechtskonvention opfern.
Das sagen heute in Großbritannien Parteien, weil in einem Jahr ein paar zehntausend Leute über
den Ärmelkanal kommen. Sagen die britischen Tories, wenn wir wieder an die Regierung
kommen, sind die Briten raus aus der Menschenrechtskonvention. Das heißt raus aus dem
Europarat, den die großen britischen Tories, Winston Churchill und andere, überhaupt erst
erfunden haben.
Und der Grund ist Angst, weil man sagt, und die Geschichte ist pragmatisch, praktisch absurd,
aber der Narrativ, die Geschichte ist, diese Leute kommen über den Ärmelkanal und wenn wir die
Menschenrechtskonvention nicht mehr hätten, dann könnten wir sie endlich alle zurückschicken.
Was nicht stimmt. Was überhaupt nicht stimmt, denn wenn wir die Menschenrechtskonvention
nicht hätten, Menschen, die irregulär aus Frankreich und Großbritannien kommen, können die
Briten trotzdem nicht abschieben, weil sie dazu die Kooperation anderer Länder brauchen.
Und die haben sie oft nicht. Das haben die Franzosen nicht und die Spanier nicht und die
Deutschen nicht. Je mehr man sich voneinander löst, wird das ja auch immer schwieriger mit der
Kooperation.
Könnte man darauf kommen. Also wir haben in der Migrationsdebatte der letzten zehn Jahre
dramatische und extrem schwerwiegende Fehlurteile, Klischees, Verzerrungen in unserer
Wahrnehmung. Aber man muss aufpassen.
Es ist nicht alles, worüber die Menschen mit Sorge sprechen. Eine Erfindung der bösen
Rechtsextremen oder auch anderer Eliten. Wir hatten in den letzten Jahren eine Ausnahmezahl
an Menschen, die irregulär als Flüchtlinge nach Deutschland und Österreich kamen.
Warum Deutschland und Österreich herausgehoben? Weil diese zwei Länder haben zwischen
2015 und 2024, das waren die zehn Ausnahmejahre, danach ging es wieder dramatisch zurück.
Aber in diesem Ausnahmejahrzehnt haben Österreich und Deutschland 50% aller Flüchtlinge in
der Europäischen Union Schutz gewährt. 50%, die Hälfte aller Flüchtlinge, die in der EU Schutz
erhielten, in diesen zwei Ländern.
Und das waren besonders hohe Zahlen. Also im Jahr 2023, wenn man da die Umfrage in
Deutschland sieht und 80% der Deutschen sagen, es ist zu viel Migration, dann ist die Realität
dahinter, dass in diesen Jahren 2022, 2023 Rekordzahlen von Flüchtlingen nach Deutschland
kamen. In sehr kurzer Zeit, weil zusätzlich zu der großen einer Million Syrer, die über die Türkei
nach Deutschland kamen, kamen natürlich nach 2022 noch 1,3 Millionen Ukrainerinnen dazu.
Jetzt sortieren wir das. Wir haben es hier nicht mit der normalen Migration aus hunderten
strukturellen Gründen zu tun, die in der Diskussion immer zentral ist. Es ist keine Klimamigration,
keine Armutsmigration, keine Migration aus Afrika, weil dort die Bevölkerung wächst.
Aus Afrika kommt fast niemand nach Europa. Es sind Menschen vor allem aus Syrien, die größte
Fluchtkatastrophe der letzten 50 Jahre in der Welt war lange, seit den 70er Jahren, war dann
Syrien mit Millionen in der Türkei, im Libanon, in Jordanien und ungefähr eineinhalb Millionen in
der EU und davon eine Million nur in Deutschland. Und wir haben die größte Fluchtkatastrophe in
Europa seit den 40er Jahren, die Ukraine aufgrund von Russlands Krieg.
Wir haben also Kriege, Bürgerkrieg und Gewalt und Aggression und chemische Waffen und
Folter in Syrien und der Angriff auf die Ukraine. Das führte zu dieser Ausnahmesituation. Die
Ursache sind die Kriege und man kann sie benennen, Putin und Assad und auch in Syrien hielt
sich Assad nur wegen Putin.
Aber es wird nie so diskutiert, weil für die Rechtspopulisten und Rechtsextremen ist es ja schon
lange bevor Flüchtlinge kamen, ein Problem, dass wir in Deutschland Türken haben. Deutsche
Türken. Also das berühmte Buch von Thilo Sarrazin erschien 2010, Deutschland schafft sich ab.
Pegida, die Patrioten für die Verteidigung des Abendlandes, tauchten in Sachsen 2014 auf, vor
der großen Fluchtbewegung. Also die gab es immer, diese Sorge, wir haben da jetzt auf einmal
andere Menschen, Muslime, Türken und die werden dann auch noch Deutsche im Laufe der Zeit.
Und dann kommt dazu diese große Fluchtbewegung aufgrund der Kriege in Syrien.
Es kamen einige hunderttausend Afghanen, die kamen auch auf dem Weg über die Türkei und
es kamen die Ukrainer. So und jetzt, wie gehen wir damit um? Erstens mal, wir brauchen und
daran scheitern ganz, ganz viele Forschungsinstitute, die Medien tun sich da versuchen, ich habe
das Gefühl, in den Medien wird versucht, das zu erklären, aber es gelingt auch nicht immer.
Einfach zu erklären, was ist hier wirklich passiert die letzten zehn Jahre? Alleine wenn wir
anerkennen würden, wir haben es nicht mit irgendwie gesichtsloser Migration zu tun, sondern wir
haben drei konkrete Themen.
Ja und Syrien, das hat gefallen, es kommen kaum noch Syrer in die EU und die syrischen
Asylantragszahlen in Deutschland sind dramatisch gefallen, die Asylantragszahlen fallen, die
Zahl der Menschen, die über die Außengrenze in die EU kommen, in diesem Jahr, wenn es so
weiter geht, wie die ersten acht Monate, also bis Ende August, wenn dieser Trend so weiter geht,
könnte es sein, dann werden in diesem Jahr weniger Menschen aus Afrika, aus dem Nahen
Osten, insgesamt irregulär in die EU kommen, als in irgendeinem Jahr seit 2015. Vielleicht sogar
weniger als im Covid-Jahr 2020. Wir haben derzeit einen dramatischen Rückgang in der
irregulären Migration, weil es eben nicht Afrikaner sind, die en masse zu uns kommen wollen,
sondern es waren vor allem Syrer, Afghanen und Ukrainer.
So, und wenn man das mal versteht, dann versteht man zwei Dinge. Erstens, die Bevölkerung,
sehr viele glauben aber, und es wird ihnen auch erzählt von sehr, sehr vielen, das sind diese
großen tektonischen, geopolitischen Verschiebungen. Ich höre dann immer, die Bevölkerung in
Afrika wird sich ja verdoppeln bis zum Jahr 2050 und dann kommt dieses absurde Bild, wenn
man kurz nachdenkt, diese physikalische Sprache von Druck, Migrationsdruck.
Also die Bevölkerung Afrikas verdoppelt sich, dann entsteht da wie in einer Flasche der Druck
und dann irgendwann explodiert es, oder sie müssen ja zu uns kommen. Dann sage ich, aber
schaut euch doch die Zahlen die letzten Jahre an. Wie viele Menschen aus den
bevölkerungsreichsten Ländern Afrikas, Nigeria, Länder mit hohem Bevölkerungswachstum,
sitzen in den Booten nach Spanien oder Italien? Niemand! Also wenn der Druck, Nigeria hat jetzt
220 Millionen Menschen, das Land mit den meisten Menschen in extremer Armut überhaupt,
kaum jemand in den letzten fünf Jahren, es gab 2016 mal ein Ausnahmejahr, da waren es
40.000, also auch nichts für die Größe des Landes, aber in den letzten Jahren waren es 1.000 im
Jahr, weniger, die aus ganz Afrika, aus Nigeria in die EU kamen.
Und jetzt kommen wir zur Verantwortung der Erklärer. Also, wenn dann in der Welt am Sonntag
ein Artikel steht von einem klugen Journalisten, wie Harald Martenstein, der sagt angesichts der
Bilder in Ceuta, das ist Eroberungsmigration, und er sich nicht einmal für eine Sekunde die Frage
stellt, müsste er natürlich machen, wie steht es denn um die gesamte Migration in diesem Jahr,
im letzten Jahr aus Afrika nach Spanien, nach Italien in die EU? Nein, da wird ein Bild von 48
Stunden Kontrollverlust, dramatische Situation, das war eine Katastrophe in Ceuta, für die
Menschen, die starben und für Ceuta, aber die Menschen sitzen immer noch, auch heute, einen
Monat später in Nordafrika, wenn das dann von einem Medium wie der Welt am Sonntag, die
geben nur die Plattform, aber von einem Kolumnisten in der Welt am Sonntag, als
Eroberungsmigration und als einen Grund alles in Frage zu stellen, dargestellt wird. Und jetzt, um
es politisch ausgeglichen zu machen, wenn auf der anderen Seite, im, ich sag mal grob
gesprochen, im progressiven linken Teil der Gesellschaft, gesagt wird, Migration lässt sich ja
nicht stoppen, und die werden natürlich alle kommen, aber das ist ja auch normal, ist ja auch gut
so, weil Armut und Klimawandler, und ich sag, das ist doch eine Fantasie, also das ist eine
gefährliche Fantasie, weil sie den Rechtsextremen hilft, aber es ist eine Fantasie, es ist falsch, es
findet nicht statt, wir haben in diesem Jahr, insgesamt über das Meer, in der ersten Jahreshälfte
sind gekommen Meer- und Landgrenzen, im Süden Europas, also da ist Ceuta und Melilla dabei,
kamen in 8 Monaten 25.000 Menschen nach Griechenland, 20.000 Menschen nach Italien,
20.000 Menschen nach Spanien.
Und wenn wir eine kluge Politik machen, könnten wir das auf noch einmal ein Zehntel reduzieren,
ohne Menschenrechte zu verletzen. Aber auch die jetzigen Zahlen sind keine, keine
Migrationsinvasion. Aber du hast jetzt von Mitte 60.000 Menschen gesprochen.
In 8 Monaten aus ganz Afrika und dem Nahen Osten. Und das vergleichen wir jetzt mal mit 550
Millionen Menschen alleine in den 27 Staaten der EU? Ja, und mit 1,5 Milliarden in Afrika. Und
dann werden allerdings Bücher geschrieben, das stimmt natürlich, das ist so ein bisschen wie mit
der Debatte über die Unsicherheit in Deutschland.
Da werden dann Bücher geschrieben, in denen steht dann, ja es werden ja unweigerlich, die
Jugend Afrikas, hunderte Millionen, werden sich auf den Weg machen. Das ist Scharlatanerei.
Aber es ist leider schlimmer, es ist gefährlich.
Weil, jetzt komme ich auf die, auf wie wir Menschen sind. Menschen haben Angst vor
Kontrollverlust. Und wenn wir das Gefühl haben, wenn wir die Geschichten glauben, dass
bestimmte Gruppen uns etwas wegnehmen, uns zerstören, anders sind, sich nicht integrieren
wollen, diese Spilterinvasion, und wir keine Kontrolle haben, dann bekommen viele Menschen
Angst.
Und wenn ihnen dann Informationen von seriösen Medien, von Wissenschaftlern, wiederum, ich
glaube, dieses Versagen ist kein, das ist kein Versagen nur in einer politischen Richtung. Wir
schaffen es nicht, über Migration auf der Grundlage unserer Werte, aber unideologisch, faktisch
zu reden. Wie oft habe ich gehört in den letzten Jahren, bei Diskussionen, ja, das, was wir im
Mittelmeer erleben, dass da jedes Jahr Menschen in die Boote steigen, nach Europa fahren, ist ja
normal, da kann man ja nichts tun.
Das ist ja klar. Druck. Migrationsdruck.
Und ich sage dann, ja, aber im Jahr 2016 sind da nur im zentralen Mittelmeer über 5.000, 4.500
im gesamten Mittelmeer, weit über 5.000 Menschen, ertrunken. In einem Jahr. Da muss man
doch überlegen, mit allen Mitteln, wie kann man das verhindern.
In 10 Jahren 30.000 Tote. In Ceuta, in diesen 48 Stunden, der spanische Premierminister sprach
jetzt diese Woche, gestern war das, oder vorgestern, gestern im spanischen Parlament, er
erwähnt 140, 41 Tote. Also, daher sage ich, es gibt ein moralisches Argument, diese irreguläre
Migration, die lebensgefährlich ist, zu stoppen, ohne unsere Werte zu opfern und gleichzeitig
immer dazu zu sagen, die Zahlen sind keine Invasion.
Wir stoppen sie aus anderen Gründen, politisch, weil es gefährlich ist, dieses Bild vom
Kontrollverlust, aber moralisch, weil hier Menschen sterben. Und das ist das Argument für eine
Form der Kontrolle an den Außengrenzen durch Kooperation, jetzt kommen wir ins Technische,
aber das ist alles umsetzbar mit sicheren Drittstaaten, wo wir gleichzeitig aber auch sagen,
natürlich braucht Europa Migration, damit wir die Bevölkerung aber mitnehmen, brauchen wir das
Gefühl von Kontrolle, aber der Grund, warum heute die Schweiz das europäische Land ist mit
ganz vorne die meisten Nichtschweizer, also Ausländer, die dort arbeiten, warum Wien die
lebenswerteste Stadt Europas in diesen ganzen Umfragen seit Jahren, eine Stadt ist, in der über
40% Migrationshintergrund haben, Wien ist zwischen, als ich dort lebte, ich lebte dort nicht mehr,
ich war schon Student in England, aber als ich dort noch meine Eltern besuchte, 1990, Ende des
Kalten Krieges, bis heute hat Wien einen Bevölkerungswachstum von 1,5 Millionen auf über 2
Millionen Menschen, eine halbe Million mehr Menschen, nicht durch Geburten, nur durch
Migration und Wien ist immer noch in den letzten Jahren die lebenswerteste Stadt der Welt. Da
werden also Dinge gemessen, wie Sicherheit, wie Infrastruktur, wie Kultur, wie
Gesundheitsversorgung.
Gibt es Probleme? Ja. Aber war es je besser? Und nein. Und wenn wir das nicht erzählen, dass
unsere Attraktivität dazu führt, dass wir Migration haben, dass wir die Migration steuern müssen
und können, dass wir sie brauchen, dass wir diverser sind denn je, das stimmt, aber dass das
Bild, die Muslime oder, die AfD redet ja auch jetzt schon wie Elon Musk, von Nicht-Weißen, dass
wir da eine Nicht-Weiße Mehrheit am Horizont haben in Europa, das sind Fantasien, die sind so
irrational, gefährlich, mörderisch am Ende, wie der Antisemitismus der Vorkriegs, also des frühen
20.
Jahrhunderts. Und ich habe einen guten Freund, jetzt lebt er leider nicht mehr, der war Professor
in Oxford, einer meiner Professoren und der war Kind, ist aufgewachsen in Wien, jüdische
Familie, säkuläre jüdische Familie, ist geflohen nach dem Anschluss 1938, sein Vater wurde
bereits verhaftet von der Gestapo, dann haben sie ausgefüllt Papiere, irgendwo hin, also da
konnte man ja, das Ziel der Nazis war ja Remigration, das war ja über Druck, dass die Leute
schnell wegziehen, das war ja noch nicht Vernichtung, Eichmann ging nach Wien, hatte ein Büro
und die Idee war, durch den Leuten klarzumachen, hier habt ihr keine Zukunft, hier gibt es Terror,
aber bitte flieht irgendwo hin. Und die Familie von meinem Freund, Peter Pulzer, hat dann
ausgefüllt, fliegt irgendwo hin, landet in England und er hat dann ein Buch geschrieben, wurde
dann Historiker, Politikwissenschaftler und schrieb dann ein Buch, der politische Antisemitismus
in Deutschland und Österreich vor dem Ersten Weltkrieg und er beschreibt darin, dass es letztlich
damals um Ideen ging.
Es gab kaum eine einflussreiche antisemitische Partei in Deutschland, in Wien gab es den
Bürgermeister, der hat Wahlkampf gemacht, aber es gab niemanden, der ernsthaft gedacht hat,
dass die Gleichberechtigung der Juden, die ja erst Mitte des 19. Jahrhunderts überall eingeführt
wurde, als gleiche Bürgerrechte, dass man die wieder rückgängig macht, das schien absurd,
aber was es gab, war eine antisemitische Literatur, die dieses Bild Judentum und Germanentum,
die Deutschen und die Juden, die diese Gegensätze durch Hass und Mythen und Märchen und
gefährliche Geschichten mit wissenschaftlichen Argumenten, mit Argumenten, die Juden sind
besonders kriminell, sie sind besonders radikal, natürlich nach der russischen Revolution, sie
sind besonders kommunistisch, bolschewistisch, all diese Mythen zusammengebracht. Hübsches
Sternchen dran, hübscher Begriff, den viele, glaube ich, verwenden, ohne diesen Kontext zu
kennen.
Wer heute von Schulmedizin spricht, spielt auf genau so eine Diskussion an, weil der
ursprüngliche Begriff war jüdische Schulmedizin im Unterschied zur neuen germanischen
Medizin, die natürlich nicht auf wissenschaftlichen Kriterien beruhte, aber das war genau der
Kontrast, der da aufgemacht wurde. Da sieht man, wie tief das kam. Ganz am Ende wurde das
intellektuelle Arsenal gefüllt, diese ganzen Geschichten, diese Bücher, diese Romane, diese
wissenschaftlichen, um dann, und jetzt, jeder, der die Augen aufmacht und von diesem
historischen Hintergrund auf unsere Debatten blickt, wie hier ganze Gruppen heute, und vor
allem geht es natürlich gegen die neue Minderheit, also in Wien gab es damals als 1900 waren
8% der Bevölkerung jüdisch, 1860 waren es weniger als 200 Familien, also das war eine sehr,
sehr kurze Zeit, in einer Stadt, die dramatisch gewachsen ist, eine sehr, sehr große Minderheit,
aber es waren 8%, heute sind in Wien ich glaube 15% der Bevölkerung muslimisch, auch da
wiederum, vor 60 Jahren gab es keine Muslime, ähnliche, sehr kurze Zeit, in der, nicht durch
irreguläre Migration, sondern durch Arbeitsmigration, also Türken, dann Bosnier, dann Albaner,
also Flucht aus dem Balkan, legale Migration, und jetzt in den letzten 10 Jahren auch Syrer und
Afghanen, aber jetzt haben wir eben diese große muslimische Minderheit, und wieder hören wir
die gleichen Geschichten, und wieder haben wir Menschen, die noch vor kurzem Hakenkreuze
auf Moscheen gemalt haben, haben eine Epiphanie erlebt, und haben gesagt, nein, die wahren
Feinde heute sind die Muslime, damit können wir in die Macht kommen, und wenn man sich
heute die identitäre Bewegung ansieht, und jetzt kommen wir auf das, was jetzt in diesen Tagen
in Deutschland diskutiert wird, anlässlich der Sachsen-Anhalt, in Sachsen-Anhalt sitzt der Mann,
der versucht hat, diesen Rechtsextremismus der Vergangenheit intellektuell zu verändern,
politische Alchemie zu verwandeln in etwas, was neu, modern, mehrheitsfähig klingt, also Götz
Kubitschek und sein Verlag in Schnellroda und sein Institut und seine Sommerschulen und
Winterschulen und seine Zeitschriften und Kanäle, verbunden mit der identitären Bewegung, die
im Grunde genommen die alten Ideen neu auflegt, und es ist erstaunlich und erschreckend, trotz
der offensichtlichen echten Gefahren, die wir heute haben, durch ein aggressives Russland, das
uns ständig bedroht, und einer AfD, die ja dieses Russland umarmt, die ja sagt, Björn Höcke,
seine erste Reise wäre nach Moskau, und Herrn Tillschneider in Sachsen-Anhalt mit der, nicht
nur die russische Tasse, sondern auch die Besuche und Kontakte und Reden, das wird alles zur
Seite geschoben von auch Menschen in der Mitte der politischen Debatte, die dann sagen, ja
aber viel wichtiger ist, die reden Klartext über was? Über die Muslime? In Sachsen-Anhalt sind
das zwei Prozent der Bevölkerung.
Also wer mir da sagt, die Probleme in Sachsen-Anhalt sind das Ergebnis von und diese zwei
Prozent sind da wegen Putin, weil er den Krieg und Assad in Syrien unterstützt hat. Und da
merken wir, es wäre vielleicht gut, sich mit der Geschichte, ja wir müssen aus der Geschichte
lernen, aber ich habe oft das Gefühl, wir haben eine Comics-Version der Geschichte im Kopf.
Also irgendwie die Nazis waren böse, weil sie haben eine Frank und andere und wir sehen die
Stolpersteine, aber das kam aus dem Nichts und er hat mit uns nichts zu tun und wir sind ja jetzt
total immun dagegen und es wurde nicht jahrzehntelang vorbereitet durch eine hetzerische,
ausgrenzende Rhetorik ein intellektuelles, ein kulturelles Projekt und zentral für dieses Projekt
war, und das schreibt Peter Pulzer so gut, das Reden über den Niedergang des Liberalismus.
Also Pulzer sagt, der Angriff auf die Juden war in Deutschland auch sehr, sehr stark, dass man
die Gruppe hernimmt und sagt irgendwie, okay, ihr unterstützt die Bolschewisten, ihr seid radikal,
aber ihr seid auch die Liberalen. Ihr profitiert von den Menschenrechten, dem Liberalismus, dem
Verfassungsstaat. Dieser Liberalismus, den wollen wir weghaben.
Und der hat auch keine Zukunft. Die Zukunft gehört anderen Modellen. Und da wird dann dieser
Kulturpessimismus, über den wir am Anfang gesprochen haben, politisch toxisch.
Ja, und wird zum Fundament für andere Dinge. Wir sind schon weit über die Zeit, in der wir
normalerweise hier im Podcast reden. Ich weiß, es gibt Menschen, die nutzen diesen Podcast,
um ihn zu hören, während sie laufen gehen.
Und die beschweren sich manchmal bei mir und sagen, verdammt, wenn du so lange redest,
dann muss ich so weit laufen. Bitte habe ein bisschen Mitgefühl. Da setzen wir uns jetzt leicht
drüber hinweg, denn eine Frage habe ich noch.
Und da würde ich dich um ein ganz persönliches Bild bitten. Was ist denn deine Erwartung einer
positiven Zukunft von Europa? Wie sieht denn Europa in, wenn wir jetzt mal eine stabile,
halbwegs gesunde Entwicklung voraussetzen? Wie sieht Europa in 10, 15 Jahren aus? Also ich
bin sogar weniger ehrgeizig, ich sage im Jahr 2030, weil das können wir direkt durch unser
Handeln auch erreichen. Wir unterstützen die Ukraine, also wir, die Demokratie in Europas,
unterstützen die Ukraine alle in den nächsten drei Jahren so wie es jetzt die Nordländer tun.
Die geben am Tag ungefähr 80 Cent aus pro Person. Deutschland macht derzeit 25 Cent seit
2022 bis heute pro Tag an Unterstützung, militärisch und zivil, für die Ukraine. Wir verdoppeln
das.
Wir unterstützen die Ukraine noch stärker, wir schaffen es abzuschrecken und damit, jetzt die
positive Vision, wir halten lange genug aus, bis dieses System in Russland von innen zerbricht.
Das wird es. Das ist überhaupt gar kein Zweifel.
Das lebt von der Substanz, das ist eine Kriegswirtschaft, Putin kann nicht mehr zurück. Wenn er
nicht die Kriege weiterführt und erfolgreich ist in seinen Kriegen, dann bricht dieses System
zusammen. Wir erhalten das.
Und im Jahr 2030 ist dieser Krieg zu Ende, ist Russland in einer Lage, wo vielleicht sogar
positive Entwicklungen möglich wären. Ich habe keine Illusionen über die russische Elite, ich war
viel in Russland, den russischen Ultranationalismus, den Imperialismus, aber all das, eine
Niederlage in diesem Krieg gegen die Ukraine wäre auch eine Kulturrevolution in Russland und
eine positive. Aber das Wichtigste ist für uns, für unsere Demokratien, wir schaffen es bis 2030,
nicht die EU zu erweitern um 10 Länder, das wird uns nicht gelingen politisch, aber wir nehmen
die Balkanländer, Moldau und die Ukraine in den Binnenmarkt auf, so wie jetzt Norwegen oder
Island.
Wir haben also keine Grenzen mehr. Wir schaffen es, diese 4 Freiheiten auszudehnen und
haben dann einen europäischen Wirtschaftsraum, Punkt 2, mit tatsächlich, Armenien kommt
noch dazu, mit tatsächlich dann über 40 Länder. Und erkennen dadurch, und die Deutschen
erkennen das, dass sie dadurch auch für ihre Wirtschaft, es wird viel Strukturwandel geben in der
Wirtschaft, aber mit dieser Deglobalisierung, die wir ja auch zum Teil erleben, wird der
Binnenmarkt für die Europäer immer wichtiger.
Und wenn der wächst, wenn die Ukraine so wird wie Polen und der Westbalkan so wird wie
Rumänien, dann ist das für Deutschland auch ein direkter Vorteil. Es entsteht diese Vision, die
die Gründer der EU hatten. Und die Europäer sind dann auch in der Lage, gemeinsam
abzuschreiten.
Mehr brauchen wir nicht. Wir führen keine Kolonialkriege mehr im Rest der Welt, aber im Jahr
2030 ist Europa stark genug, dazu reicht es, wenn mehr europäische Länder so sind wie
Finnland, was die Bevölkerung mit Bereitschaft zur Verteidigung und auch die Ausrüstung betrifft.
Im Jahr 2030 sind die Briten wieder dabei, auch nicht als Vollmitglied, das geht nicht in 4 Jahren,
aber eingebunden im Binnenmarkt, weil sie erkennen, das brauchen sie.
Wir haben Grenzen, an denen niemand mehr stirbt, weil wir Abkommen haben mit afrikanischen
Staaten, dass die, die irregulär kommen, die Verfahren dort haben, also dann geht niemand mehr
in die Boote. Und gleichzeitig haben wir mit afrikanischen Ländern Partnerschaften, dass es viel
leichter wird, für Menschen dort legal zu uns zu reisen, als Studenten, als Geschäftsleute. Wir
ändern das Bild der jungen afrikanischen Generation, der Mittelklasse in diesen Ländern, indem
wir es leichter machen, nach Europa zu kommen, nicht nur in China zu studieren, profitieren
davon.
Europa wird angesichts der Krise in Amerika, angesichts der Gewalt in Russland, angesichts der
Diktaturen im Rest der Welt zum Magnet für Talente. Also ehrgeizige Leute aus dem Rest der
Welt, die sich verwirklichen wollen und wir schaffen Kanäle für legale Migration, mit Integration,
mit Sprachkursen und zeigen, dass es möglich ist, für Europa wieder ein Leuchtturm zu werden.
Und zwar auf dem Prinzip, dass die EU stark macht, ohne Gewalt, ohne Zwang.
Und dann schaffen wir es, in der EU ein paar Leuchtturmprojekte für die Wirtschaftsentwicklung
hinzubekommen. Wir gehen vorsichtig, vorsichtiger als die USA, im Bereich KI voran, aber
gleichzeitig überprüfen wir, welche Regulierungen wirklich sinnlos sind, werden da erfolgreicher.
Aber wir erzählen unseren Kindern in den Schulen gleichzeitig auch die Geschichte, dass von
den 20 beliebtesten Ländern der Welt, wenn man so Umfragen anschaut, welche Länder werden
geschätzt, bewundert, sind schon heute 15 in Europa.
Das ist ein Kontinent, dem es noch nie so gut ging, wie jetzt und der das verteidigt. Und das im
Jahr 2030 feiern wir dann, wenn die Balkanländer, Moldau, die Ukraine und vielleicht auch
Großbritannien im Binnenmarkt sind und die Vision der Gründer realisiert, wir der Realisierung
näherkommen. Und rechtsextreme Parteien schrumpfen dann wieder auf ihre 10, 15 Prozent.
Das Projekt, das Deutschland Adenaus abzuwickeln, wird durch die Wähler verhindert. Die
völkischen Landesparteien werden vom Bundesverfassungsgericht verboten, weil sie gegen die
Verfassung verstoßen und der Rest der AfD verändert sich, zerbricht, wird so wie Meloni in Italien
und Europa bleibt erhalten. Das wäre meine Vision.
Im Jahr 2030 fürchten wir keinen russischen Krieg mehr, weil Russland selbst den Krieg verloren
hat, sind sicherer als je zuvor, haben starke Militärs für die Abschreckung, haben einen größeren
Binnenmarkt, haben unsere Universitäten für die Welt geöffnet, sind ein stolzes Europa. Wer
noch tiefer einsteigen möchte, das dann vielleicht nicht beim Laufen, sondern beim Sitzen, zum
Beispiel im lesenden Modus, dem seien deine Bücher empfohlen. Die stehen natürlich alle in den
Shownotes, muss jetzt niemand mitschreiben, das kann man da direkt anklicken und es dann
beim Buchhändler seines, ihres Vertrauens bestellen und dann lesen.
Was du sonst noch machst, steht auch alles in den Shownotes. Ich freue mich über Feedback
auch zu dieser Folge, weil wir, glaube ich, viel aufgezeigt haben, zu dem es möglicherweise
Reaktionen gibt, also her damit, auf allen Wegen, auf denen wir so üblicherweise kommunizieren,
wir sagen das hier ja nicht, um die Diskussion zu beenden, sondern um die Themen aufzugreifen
und in die Diskussion zu werfen. Gerald, ganz herzlichen Dank für deine Zeit und deinen
Enthusiasmus.
Ich danke dir vor allem für die Neugier und das Nachfragen. Carls Café Ein Podcast von Carls
Zukunft Mehr unter carls-zukunft.de