Versprochen: Gutes Wirtschaften. Peter Barrenstein
Wie definieren wir gutes Wirtschaften in Zeiten von Krise und bürokratischer Lähmung?
In der ersten Folge des neuen Podcasts „Das Versprechen. Die Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft“ spricht Michael Carl mit Peter Barrenstein über die Wurzeln der Sozialen Marktwirtschaft, den Mut zur Schumpeter’schen „schöpferischen Zerstörung“ und die Frage, warum christlicher Glaube für Peter eine befreiende Haltung im Wirtschaftshandeln ermöglichen kann. Ein Podcast von Carls Zukunft in Kooperation mit dem aeu (Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer).
- Gutes Wirtschaften geht weit über schwarze Zahlen hinaus: Rein konzeptionell erfordert erfolgreiches Wirtschaften nur einen Ertrag, der die Kosten übersteigt. Die reale Herausforderung liegt jedoch in der bewussten Gestaltung: Neben exzellenten Produkten und Effizienz braucht es eine nachhaltige Ausrichtung sowie die stetige Bereitschaft, bestehende Erfolge kritisch zu hinterfragen, anstatt sich auf veralteten Strukturen auszuruhen.
- Die lähmende Risikoaversie überwinden: Die historische Stärke der Sozialen Marktwirtschaft gründet auf dem mutigen Gestaltungs- und Verantwortungsbewusstsein der Freiburger Denkschrift. Heute wird die wirtschaftliche Innovationskraft in Deutschland oft durch eine Kultur des „Ja, aber“ und eine ausufernde Regelungswut erstickt. Was fehlt, sind Entscheidungen mit der Haltung von „Warum nicht?“, um neue Zukunftsfelder entschlossen zu besetzen.
- Christlicher Glaube als Fundament für unternehmerischen Mut: Eine Werteorientierung gibt Peter Barrenstein als Unternehmer die Freiheit, kalkulierte Risiken einzugehen und Fehlversuche nicht als existenziellen Urteilsspruch über die eigene Person zu begreifen. Aus diesem Menschenbild erwächst die Legitimität unternehmerischen Handelns – von echter Bildungsgerechtigkeit bis hin zu ethischen Leitplanken im täglichen Marktgeschehen.
Der Podcast "Das Versprechen" diskutiert zentrale Begriffe der Sozialen Marktwirtschaft, jeweils aus unternehmerischer und theologischer Perspektive. Mit Rückgriff auf die Denkschrift des Freiburger Bonhoeffer-Kreises von 1943, einem der frühesten und prägendsten Dokumente unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, fragt der Podcast nach der Zukunftsfähigkeit der Sozialen Marktwirtschaft. Die inspirierende Geschichte der Freiburger Denkschrift, konspirativ verfasst und im Hochschwarzwald bis Kriegsende eingemauert, erzählen wir hier.
Transkript der Folge lesen
01 aeu Peter Barrenstein
Das Versprechen, die Zukunft der sozialen Marktwirtschaft. Ein Podcast von Carls Zukunft in
Kooperation mit dem AEU. Evangelisch-Unternehmerisch.
Willkommen zurück. Das Versprechen, die Zukunft der sozialen Marktwirtschaft. So heißt dieser
Podcast.
Michael Carl ist mein Name. Wir gehen mit diesem Podcast der Zukunft der sozialen
Marktwirtschaft auf die Spur. Wir tun das im Zusammenspiel zwischen Wirtschaft und Theologie.
Suchen in diesem Feld eine Stimme, die wir in die Diskussion einbringen können oder eher viele
Stimmen. Es gibt ja viele Menschen, die hier in diesem Podcast miteinander nachdenken. Wir
erlauben uns hier und da einen Rückgriff auf eines der frühesten Dokumente an der Wurzel der
sozialen Marktwirtschaft.
Die Denkschrift des Freiburger Kreises. Details dazu und zu der durchaus abenteuerlichen
Geschichte, die sich mit dieser Denkschrift verbindet, haben wir in der Vorabfolge dieses
Podcasts erzählt und aufbereitet. Wer die noch einmal hören möchte, das lohnt sich auf jeden
Fall damit zu beschäftigen.
Wir nehmen uns in diesem Podcast zentrale Begriffe vor. Heute ist unser Begriff gutes
Wirtschaften. Zu jedem dieser Begriffe machen wir zwei Folgen.
Eine theologische, das war die vorige Folge und eine mit einer Perspektive aus der Wirtschaft.
Und jetzt habe ich wahnsinnig viel geredet, ungefähr das Feld abgesteckt und es ist höchste Zeit
meinen heutigen Gast zu begrüßen. Peter ist hier, Dr. Peter Barenstein.
Hallo, grüß dich. Hallo Michael. Du, um kurz die Schlagworte zu nennen, warst nicht nur viele
Jahre, 27 genau, bei McKinsey in verschiedensten leitenden Positionen, in Aufsichtsräten, in
Beiräten bei verschiedensten großen Konzernen plus in kirchlichen Funktionen.
Du befindest dich also quasi an genau dieser Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Theologie.
Darf ich das so sagen? Ja, schon. Kann man so sagen.
Jetzt wollen wir über gutes Wirtschaften reden heute. Man könnte ja jetzt einfach verkürzt sagen,
naja, was heißt hier gutes Wirtschaften? Man muss einfach mehr Geld verdienen, dann ist das ja
schon gutes Wirtschaften. Oder nicht? Also in dem Sinne ist Wirtschaften tatsächlich total simpel,
weil es geht einfach darum, dass man mehr verdient, als man Kosten hat.
Also der Umsatz sollte höher sein als die Kosten und dann gibt es einen Gewinn und dann bleibt
man im Markt bestehen. Also von daher ist das sozusagen vom Konzept her gar nicht so
schwierig. Das Problem entsteht dadurch, dass es ein Marktumfeld gibt, dass es Wettbewerber
gibt, die auch ihre Produkte verkaufen wollen, die das möglicherweise besser tun oder anderstun.
Dass es Kunden gibt, die man immer wieder überzeugen muss, dass die eigenen Produkte gut
sind und dass die Manager selbst auch manchmal unterschiedlich gut sind. Also nicht immer
sozusagen alles so im Griff haben, ihre Zahlen so im Griff haben, ihre Kosten so im Griff haben,
wie das sein sollte. Möglicherweise auch ihre Strategie im Griff haben oder den Eindruck hat man
ja gelegentlich.
Ich frage deswegen so leicht zugespitzt, weil ich manchmal den Eindruck habe, es gibt so ein
Feld, auf dem reden wir über was ist gutes Wirtschaften, wie gehen wir miteinander um, wie
transparent, wie verantwortlich etc. sind wir. Und dann gibt es ein zweites Feld, da steht eine
Bilanz und wenn es hart auf hart geht, zählt nur das zweite Feld.
Teilst du diesen Eindruck? Dass die sozusagen eine Lücke ist zwischen Anspruch und
Wirklichkeit. Sozusagen, genau. Ganz genau.
Ja, ich meine das wird natürlich in der heutigen Zeit umso deutlicher, als dass ja alles viel viel
schneller, viel globaler, viel problematischer geworden ist. Und das ist ja die Diskussion, die wir
insgesamt führen über die Situation Deutschlands, so sei es in der Welt und damit der deutsche
Unternehmen in dieser Welt. Und da gibt es schon eine ganze Menge von sehr offenkundig
gewordenen Defiziten.
Das ist interessant, der Link eigentlich zu dem, was der Eingang sagte, auch den Link sogar zu
diesen Freiburger Diskussionen hier stellt, weil da ging es ja nicht nur um ein Regelwerk, um
einen Rahmen, sondern da ging es ja auch um Halter, um Mut, um Innovationsfreude, um was
Neues machen in einer gefährlichen Situation. Trotzdem die Flagge sozusagen hochhalten. Und
da gibt es schon viel, wenn man das auf die heutige Unternehmersituation überträgt, viel, was
man kritisch hinterfragen kann.
Also kritisch hinterfragen in dem, was heute Realität ist, wie sich heute Unternehmen verhalten.
Im Sinne von eben halt mangelnder Innovationskraft, mangelndem Mut zu sehr festhalten an
bestehenden Strukturen und Abläufen, an bestehenden Produkten. Und das wird umso blöder,
wenn man dann mit Wettbewerbern konfrontiert ist in China oder in Amerika, die halt ganz anders
agieren.
Das ist eine wirklich problematische Situation, in der wir aktuell sind. Du sprachst von Haltung,
die quasi auch in der Wurzel der sozialen Marktwirtschaft liegt. Ist diese Haltung nach wie vor
gültig? Ist die immer noch aufrechtzuerhalten und wir müssen nur zu ihr zurückfinden oder
brauchen wir heute etwas anderes? Also ich glaube, die Rahmenbedingungen, die damals durch
Freiburg definiert worden sind, also freie Märkte, Vertragsfreiheit, Tarifautonomie,
funktionierender Wettbewerb, das ist alles gültig.
Also da gibt es ganz viele Regeln. Das wurde ja damals ergänzt in diese sozusagenSondersituation Deutschlands mit dem sozialen Kontext, also die soziale Marktwirtschaft. Das ist
schon ein tolles Modell, was wir da haben.
Also ja, da wird es immer wieder Anpassungen geben müssen, aber der kritischere Punkt aus
meiner Sicht ist eher wirklich diese Frage der Haltung, des Mutes, Dinge zu hinterfragen.
Nachdem die soziale Marktwirtschaft durch Eucken und Erhard damals auch konzeptionell
hinterlegt worden ist, gab es schon Peter, einen anderen Professor, der eher weniger das
Soziale, mehr das Kapitalistische sozusagen im Auge hatte. Und der sagte eben halt, dass gutes
Wirtschaften eben mal drei Dimensionen hat.
Einerseits gute Produkte und Dienstleistungen machen und zum Zweiten das effizient machen,
aber ich würde mal sagen nachhaltig machen. Und zum Dritten dann aber sprach er von der
schöpferischen Zerstörung, also der kontinuierlichen Hinterfragung des Bestehenden, was
natürlich, und das ist wieder der Link sozusagen zu Freiburg oder den Menschen dort, was Mut
erfordert. Und wenn ich erfolgreich bin in dem, was ich mache, warum soll ich das hinterfragen?
Und das ist das Dilemma, in dem wir vielfach sind.
Wenn man das mit Zahlen übersetzt, 6% des Umsatzes von deutschen Unternehmen, 6% sind in
neuen Wirtschaftsfeldern. Das ist verglichen mit China und USA eine Katastrophe. Also wir sind
sehr, wir beharren sehr in alten Industrien.
Das wird dann noch vom Staat unterstützt, indem man Subventionen gibt oder Regeln gibt, um
sozusagen alte Industrien zu fördern. Und das ist nicht gesund. Kann es sein, dass Erfolg in
dieser Hinsicht auch wirklich lähmt? Ja klar.
Also in dem Moment, wo ich erfolgreich bin, hinterfrage ich das nicht. Das Dilemma, in dem wir
jetzt sind, ist, wir sind nicht mehr erfolgreich. Aber gelernt.
Die Automobilisten, die Automobilindustrie, die durchschnittliche Zeit, um Elektrofahrzeuge in
China zu entwickeln, sind 21 Monate. Bei uns 48. Und dann kommt da in China ein Modell raus,
ich habe gerade Zahlen gesehen, von einem chinesischen, auf Porsche zielenden Auto, was dort
für knapp unter 40.000 Euro auf den Markt kommt.
Der Porsche kostet fast 200.000. Ja, da gibt es Subventionen in China, die das schützen.
Trotzdem ist der Gap sozusagen im Sinne von Entwicklungszeit, im Sinne von Kosten enorm.
Und die sind mittlerweile auch in vielen Dimensionen einfach wirklich vergleichbar.
Das gilt ja nicht nur für die Automobilindustrie, sondern für andere auch. Und in dem Sinne ist es
leider nicht mehr so, dass wir sagen können, wir haben ja nach wie vor die ganz tollen Produkte,
sollen die anderen mal kommen. Wir haben nicht mehr die tollen Produkte, die so automatisch
wettbewerbsfähig sind.
Und das gilt für viele Bereiche. Und da würde ich mir eben halt mehr Mut wünschen, Dinge zuhinterfragen. Ich meine, das gilt auch für ein anderes Thema.
Wir haben ja eine große Start-up-Welt in Deutschland mit vielen tollen Firmen. In dem Moment,
wo diese Start-ups wachsen, dann kommen sie so in Venture-Capital-Firmen rein, wo sie
übernommen werden. Und wenn die Größe dreistellig wird, sozusagen millionenmäßig, die dann
erforderlich ist, um das Ding aufzubauen, die Firma, dann sind es amerikanische Geldgeber, die
dann das Zeug nach Amerika rüberholen.
Denn, dass wir das bei uns aufbauen. Und so entstehen dann diese Firmen, diese
Zukunftsfirmen blöderweise nicht bei uns. Und auch da ist die Frage, warum ist das so? Wir
haben ja kein Geld, glaube ich nicht.
Wir haben Geld. Aber da ist es wieder diese Frage des Mutes, dort in Risiko reinzugehen. Denn
natürlich ist das riskant.
Jede Wette geht nicht auf, sozusagen. Und da sind wir in einer ganz komischen, ja nicht nur in
der Wirtschaft, sondern das gilt ja auch für die staatliche Seite genauso, in so einer eher
bewahrenden, risikoaversen Situation. Und das ist auf Dauer nicht nur ungesund, sondern das
führt zu einer Depression, weil man ist irgendwie, man sieht drüber rum wächst alles und blüht
alles und wir selbst halten das alles irgendwie fest.
Das ist ganz doof. Ich finde den Verlauf unseres Gesprächs aus vielen Gründen spannend. Einer
ist, diese Wurzel der sozialen Marktwirtschaft, über die wir sprachen, das ist so von Mut
gekennzeichnet, sich in den späten 30er, Anfang 40er Jahren konspirativ zu versammeln und zu
sagen, wir erkennen nicht nur, dass das ein Spuk ist, der hier in diesem Land herrscht, sondern
wir denken darüber nach, was passiert eigentlich, wenn der Spuk vorbei ist.
Und das tun wir unter, im Grunde Einsatz unseres Lebens. Nicht alle haben das überlebt. Das ist
Mut.
Das ist unglaublich beeindruckend gewesen. Das war der Einsatz des Lebens. In dem Moment,
wo da klar geworden wäre, was da passiert, da passiert ja nicht nur, dass die sich
zusammengesetzt haben und über Modelle geredet haben, die anders waren als das damalige
Zentralverwaltungswirtschaftssystem der Nazis, sondern da wurde ja antizipiert, dass dieses
Nazisystem zerbricht und was Neues passiert.
Und das ist einfach unglaublich mutig gewesen und gewaltig gewesen, was da passiert ist. Und
das ist eben dieses Haltungsthema, was dahinter steht, ist für mich das Faszinierende und das
ist das, was ich eben halt heute vermisse. Wir haben bei meinem früheren Firma McKinsey, wo
ich gearbeitet habe, hatten wir sozusagen eine Kategorisierung von Führungskräften in die Ja-
Aberer und die Warum-Nichter.
Die Ja-Aberer, das sind die, die sozusagen den Analysen folgen und sagen, ja, wir müssenStrategie wechseln, aber da gibt es diese ganzen Wettbewerber und da gibt es die Kunden, die
nicht mitmachen und das ist auch viel zu kostenintensiv und das dauert zu lange und das wird
nicht funktionieren. Und das sind die Lähmer, das ist die Lähmschicht sozusagen, die eigentlich
Innovation verhindert, weil du hast natürlich immer Gegenargumente, du hast natürlich immer
Risiken dabei. Vorangebracht werden Unternehmen aber durch diese Warum-Nichter, diese
Why-Not-er, diese, ja, wir machen es jetzt einfach mal, wir versuchen es mal.
Sei es, dass wir eben mal neben unserer normalen Unternehmung was anderes stellen, mit dem
wir dann was aufbauen. Diese Warum-Nichter, die fehlen uns, die brauchen wir. Ich stehe diesen
amerikanischen Hightech-Companies durchaus kritisch gegenüber, kommen wir vielleicht auch
nochmal auf Marktmacht und sowas zu sprechen, aber das sind die Typen, die sozusagen
einfach gesagt, wir machen es einfach.
Wir werden Milliarden möglicherweise in Sand gesetzt, aber wir folgen einer großen Idee und das
ist das, was uns eigentlich in der Vergangenheit in Deutschland ja auch ausgezeichnet hat, dass
wir tolle Sachen entwickelt haben. Ich komme wieder zurück auf die Automobilindustrie, aber ich
nehme auch die Medizin, ich nehme die Chemie, aber wo ist heute im Bereich Biotechnologie,
wo sind die Why-Not-er, die Warum-Nichter? Wo sind die versteckt sozusagen? Das ist irgendwo
was, was eigentlich wiederbelebt werden sollte mit viel Mut und jetzt machen wir eine Klammer
und da könnte natürlich eigentlich unser Glaube auch eine sozusagen befreiende Rolle spielen,
denn der Glaube sollte uns ja sozusagen den Mut geben, auch versagen zu dürfen und an der
einen Stelle eben halt nicht Erfolg zu haben und trotzdem würdige Menschen zu sein. Das ist
irgendwo ein Feld, wo glaube ich viel, viel Verbesserungsmöglichkeiten da wären.
Ja, das wäre ja, da betreten wir das Feld der theologischen Argumente nicht, aber da muss man
jetzt nicht viel Theologie wissen, um sagen zu können, es hilft ja, wenn man weiß, dass man von
dem unmittelbaren wirtschaftlichen Erfolg nicht abhängig ist und trotzdem ein ständiger Mensch
ist. Das ist natürlich dann, da sind wir bei einem Menschenbild, was eben halt nicht dieses
kapitalistische Menschenbild ist, sondern eigentlich das der sozialen Marktwirtschaft
entsprechende Bild. Wir haben ja in Deutschland ein wirklich tolles Alternativmodell mit der
sozialen Marktwirtschaft gebaut.
Wir haben eine Verankerung im christlichen Glauben, das ist sowohl die katholische Sozialehre
wie die protestantische Ethik, die viel davon lehrt haben über Generationen hinweg und eigentlich
sollte das Mut machen und uns helfen sozusagen dort, auch in der heutigen Welt, bestehen zu
können. Aber mit der Erosion sozusagen der Glaubensmitglieder, sage ich mal, des Glaubens
selbst, besteht da natürlich irgendwo auch auf dieser Ebene eher manchmal ein trauriger
Eindruck, wo man sagt, also was passiert da eigentlich und wo führt das eigentlich hin? Und ich
glaube, das ist so ein ganz zusammenhängendes Ding, was man da ganz ganzheitlich
betrachten sollte. Ich hänge immer noch an diesem Begriff des Mutes.
Wir haben festgestellt und beleuchtet, dass die Wurzel der sozialen Marktwirtschaft einunglaublich mutiger Akt war. Wenn wir hingegen heute uns anschauen, wie wir gesellschaftlich,
politisch, wirtschaftlich über soziale Marktwirtschaft diskutieren, dann erwächst auf der Eindruck,
das ist das, was uns lähmt. Das sind die überflüssigen Regelungen und das ist die
Wohlfühlhängematte und das kann man dann bezeichnen, wie man das möchte.
Aber aus dem Mutigen ist etwas Lähmendes geworden. Was ist da eigentlich passiert? Ja, das
ist irgendwie, das weiß ich auch nicht. Das ist ja kein globaler Trend, weil man ja eben halt
andere Länder sieht, die sich ganz anders aufmarschiert sind.
Das ist, glaube ich, ein wirklich nicht in der Wirtschaft allein zu verankerndes Problem, sondern
das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Du kennst vielleicht dieses Beispiel, was jetzt ja in
der Presse war mit diesem Treppengeländer in einer Schule, wo dieses Treppengeländer immer
da war und plötzlich stellte man fest, dass es irgendwie sieben Zentimeter zu niedrig ist. Es hat
immer funktioniert und was passiert jetzt? Ja, das muss natürlich erhöht werden, das
Treppengelände, aber in der Zwischenzeit werden da jetzt Sicherheitsbeute hingestellt, die
aufpassen, am Anfang der Treppe und am Ende der Treppe, dass da nichts passiert.
Da ist 20 Jahre lang nichts passiert. Was ist das für ein Irrsinn sozusagen, das zu machen und
statt das Geld zu nehmen und damit in Laptops zu investieren oder sowas. Das ist dieses Risiko-
Averse, dass man sagt, ich will um Gottes Willen nicht ins Risiko reingehen.
Das ist genau wie diese einmal angesprochene Bürokratie. Die ist ja auch Ausdruck einer
unglaublichen Angst, etwas falsch zu machen, weil ja nicht nur Gesetze, Verordnungen erlassen
werden, in Höchstmaße in Berlin, aber noch viel mehr in Brüssel, sondern dann eben halt
Kontrollmechanismen geschaffen werden, in denen dokumentiert werden muss, dass das alles
erfüllt wird. Auch das ist ja ein Irrsinn.
Ich meine, ja, da mag ein Gesetz alle Verordnungen seiner Berechtigung haben und ja, das muss
ich dann ab und zu mal prüfen, ob das eingehalten wird. Aber jetzt von den Firmen zu verlangen,
dort eben Menschen einzustellen, die das dokumentieren immer, dass das gemacht worden ist,
das ist einerseits ein totaler Vertrauensentzug von diesen Unternehmen, weil man sagt, die
schwindeln ja alle und versuchen uns hier irgendwie über den Tisch zu ziehen. Die halten die
Regeln nicht ein.
Und andererseits führt das eben halt zu einer Bürokratie und einem Vorsichtigsein, was völlig
ungesund ist. Und dem gegenüber stehen dann, ich sage mal, Erfolgsmodelle jetzt natürlich
besonders in Amerika, wo durch den Präsidenten natürlich jetzt stark gestützt eben halt die
Freiräume immer größer gemacht werden und die Leute machen können, was sie wollen. Das ist
nicht das Modell, auf das ich hin will.
Aber das ist einfach ein enormer Gegensatz zwischen diesen Freiräumen, die eben halt auch mal
blöderweise gar nicht kanalisiert sind irgendwo in irgendeinem Maße und eben halt einer bei uns
Überkanalisierung, die dann die Freiräume ganz eindämmen und wo dann bei uns eben gesagtwird, ja, wir können jetzt nicht investieren, weil dann müssen wir eben halt auch dann irgendwie
in Elektrifizierung investieren und das ist zu riskant und zu groß und dann kriegen wir
Genehmigungsverfahren nicht durch. Und dann machen wir es halt gar nicht erst. Und das ist
dieses hier Aber.
Ja, das ist eigentlich richtig, weil die deutschen Manager oder Politiker sind ja nicht doof, die
wissen das ja alles. Nur dieses Aber, das Risiko dabei, das ist das, was dann nähmt. Und das ist
ganz schrecklich und das hat eben halt mit dieser Basishaltung von früher dieses, wir machen es
jetzt einfach mal und wenn wir auf den Bauch fallen, dann fallen wir auf den Bauch und dann
stehen wir wieder auf.
So wie ich die soziale Marktwirtschaft vom Kern her verstehe, sind es ja zwei Begriffe, die
korrespondieren. Freiheit und Verantwortung. Das scheint mir eine der zentralen Thesen zu sein.
Es gibt keine Freiheit ohne Verantwortung, es gibt keine Verantwortung ohne Freiheit. Haben
diejenigen, die an Hebeln aller Arten sitzen, haben die mehr Angst vor Freiheit oder mehr Angst
vor Verantwortung? Was ist dein Eindruck? Also ich glaube, die kommen mit der Freiheit nicht
klar. Also die Freiheit etwas zu machen ist ja da.
Man könnte das ja machen. Die Freiheit wird nicht genutzt. Man könnte ganz viel machen.
Und die Verantwortung, die ist schon relevant, aber die Verantwortung, wenn man die
durchschnittliche Lebenszeit der Vorstände nimmt in Deutschland, die ist ja deutlich
runtergegangen. Ich glaube, die liegt bei sieben Jahren oder sowas. Und damit wird ja
offenkundig, dass eben die Anteilseigner in den Firmen, also ich rede jetzt von den
Kapitalgesellschaften, bei verringerten Unternehmen ist das natürlich anders, dass dort die
Eigner dann schon reagieren und sagen, das kannst du nicht, jetzt hole ich einen anderen ran
oder ich habe eine andere Idee, da brauche ich einen anderen.
Ich glaube, das ist schon da. Das ist schon verinnerlicht, dass das so ist. Also die Verantwortung
wird doch übernommen.
In der Wirtschaft, in der Politik sieht das ganz anders aus. Dort würde ich mir manchmal mehr
Verantwortlichkeit übernehmen. Ja, da gibt es auch eine Verantwortung im Sinne von, ich werde
wiedergewählt oder nicht wiedergewählt.
Aber wenn man sich mal anschaut, wie lange die Leute dann im Bundestag sind, wie viele
Berufspolitiker wir haben, die das immer weitermachen, dann fragt man sich schon manchmal,
sollte da nicht mehr Verantwortung sozusagen da sein? Ich meine, so ein Beispiel wie Stuttgart
21 oder besser Stuttgart 51, das ist ja so ein Beispiel dafür, aber da gibt es ja viele andere
Beispiele, Berliner Flughäfen oder Elbphilharmonie oder was immer da ist, wo auch dann eben
mal wir ja zunächst mal auch angeschwindelt werden, weil manche Zahlen und manche Kosten
sind ja transparenter vorher. Die dürfen nur nicht genannt werden, weil das Investment dann garnicht stattfindet. Also da ist Verantwortung sehr limitiert.
In der Wirtschaft ist Verantwortung sicherlich viel greifbarer, weil die Verantwortung ja nicht nur
die des Jobs ist, sondern da geht es ja um Marktanteil, da geht es ja um Existenz des
Unternehmens. Die Zahl der Insolvenzfälle in Deutschland ist ja enorm hochgegangen. Wir
haben dort also wirklich eine sozusagen übersetzte Verantwortung, die ja dann eben mal zu so
einem gewissen Risikoaversenverhalten durchaus auch führt.
Aber die Freiheit, das Freiheitsgefühl, das ist etwas, was gekoppelt sein müsste und muss mit
dem Mut, die Freiheit auch zu nutzen. Und das ist das, was ich ja jetzt schon ein paar Mal gesagt
habe, wo mein Empfinden ist, dass viel mehr Freiheit da wäre, dass man viel mehr machen
könnte und wir viel weniger machen, als eigentlich sozusagen vorhanden ist und was gemacht
werden kann. Das heißt, wir müssen im Grunde gar nicht darüber reden.
Brauchen wir mehr Freiheiten? Klammer auf. Damit will ich nicht sagen, dass die Frage irgendwie
entschieden wäre, Klammer zu. Sondern wie kommen wir dahin, das, was wir haben, viel stärker
zu nutzen? Ja, absolut.
Man sieht das ja auch, wenn man den Bereich Artificial Intelligence, also künstliche Intelligenz
nimmt, der auch uns sehr, sehr stark prägt. Wenn man das mal verdichtet, so wie ich das
verstehe mit der künstlichen Intelligenz, dann wirkt die ja in zwei Richtungen. Die wirkt einerseits
in die Richtung Produktivitätsverbesserung, also Effizienzsteigerung und auf der einen Seite und
auf der anderen Seite soll sie wirken in Wachstum, neue Wachstumsfelder, neue Bereiche
hinein.
Wenn man die reale Situation anschaut in Deutschland, da gibt es spannenderweise eine
Analyse von McKinsey, eine ganz aktuelle, die sagt, dass 29 von 16.200 Firmen, das ist 0,2
Prozent, treiben fast 50 Prozent des deutschen Produktivitätswachstums. Selbst auf der
Produktivitätsseite ist es so, dass es ganz verdichtet bei wenigen Firmen ist. Wenn ich jetzt über
Wachstum rede, dann sagst du, das wird getrieben durch internationale Firmen, durch
amerikanische Firmen, durch chinesische Firmen.
Da kriegen wir unsere PS gar nicht auf die Straße. Da wäre aber die Freiheit, da was zu machen.
Die Argumentation, dass wir durch Bürokratie erdrückt werden, da ist was dran.
Natürlich ist da was dran. Es gab von dem Peter Laibinger, das ist der BDI-Präsident, der auch
im Kuratorium des EU ist. Der Peter Laibinger hat kürzlich eine Pressekonferenz gegeben, wo er
sagte, dass eigentlich in Brüssel das Ziel gewesen ist, für ein neues Gesetz, eine neue
Verordnung zwei abzuschaffen.
Das ist so, was auch Söder in Bayern vorhat und machen wollte. Die Realität ist nicht, ein neues
Gesetz zwei abschaffen, sondern fünf neue und eins wird abgeschafft. Das heißt, die Bürokratie
nimmt zu.Wenn man die aktuellen Haushaltszahlen nimmt, was in den nächsten sechs oder acht Jahren
fast 800 Milliarden kosten mehr zu dem, was da ist, was für uns 25 Milliarden pro Jahr Kosten für
Deutschland heißen würde, dann ist das nicht nur eine Frage der Haushaltslogik, wo man sagt,
spinnen die eigentlich, sondern das ist auch eine Frage, brauchen wir diese Verordnungen? Ist
das notwendig? Ist das erforderlich? Das engt uns da ein als Unternehmer oder als Manager,
aber gute Beispiele einzelner Firmen zeigen, dass man auch trotzdem Marktanteil gewinnen
kann, dass man auch trotzdem viel Ertrag erwirtschaften kann, dass man auch trotzdem sich
trauen kann zu wachsen. Nicht nur national, sondern auch international. Das würde ich da nicht
so akzeptieren wollen, dieses Aber mit dem Hinweis auf die Bürokratie.
Das ist halt Käse, das ist doof und da muss man dagegen kämpfen und dagegen argumentieren,
aber trotzdem gibt es eben erfolgreiche Firmen, die in diesem Umfeld auch erfolgreich sind. Da
sind wir ja auch ganz nah bei dieser beschriebenen Grundlage der sozialen Marktwirtschaft, die
ja eben genau keine grenzenlose Freiheit fordert, sondern Freiheit von planwirtschaftlichem
Dirigismus einerseits, aber eben auch genauso die Freiheit von unzulässigen
Machtkonzentrationen, Monopolen etc., um quasi ein Feld abzustecken, in dem es sich dann zu
bewegen geht. Ja, also mit Rahmenbedingungen, die gesetzt worden sind, eben mit Tarifregeln,
mit auch einer Finanzpolitik, die geregelt ist und die hat uns ja über die vergangenen Jahrzehnte
unglaublich gut getan.
Also das Wohlstandswachstum in Deutschland ist ja phänomenal gewesen über die vergangenen
Jahre und ich halte dieses System auch mit dem Checks and Balances durch die Arbeitnehmer-
und Arbeitgeberverbände, durch die Gewerkschaften, für ein gutes System. Aber auch das ist
übersteigert halt zum Teil. Ich erinnere mich an eine Diskussion mit dem damaligen CEO der
Post, dem Frank Appel, auch der war damals im Kuratorium des AEUs, der erzählte, dass er vor
Weihnachten die damaligen DHL-Fahrer, also die Paketausfahrer, da ist mehr Bedarf vor
Weihnachten, weil mehr Pakete verschickt werden.
Und der wollte gerne eine Regelung haben, dass er auf freiwilliger Basis den DHL-Fahrern
anbieten wollte, Mensch, wenn ihr mehr arbeitet, dann würden wir das gerne begrüßen und wir
zahlen das dann auch natürlich selbst mit Sonderzahlungen und allem möglichen. Das ist von
Gewerkschaftsseite abgelehnt worden. Wir haben unsere Tarifregeln und wir haben unsere
festen Stunden und das geht nicht.
Und da in einer Situation, wo auf der anderen Seite eben Wettbewerber sind, die mit Freelancer
arbeiten, die mit außerhalb der Tarifbereiche arbeiten, wo die Fahrer dann 12, 14 Stunden am
Tag arbeiten, mit viel niedrigeren Stundenlohn als die gewerkschaftlich organisierten DHL-Leute.
Aber dann sozusagen absolut vor Weihnachten die Chance haben, da was zu machen. Da fragt
man sich, spinnen die auf der Gewerkschaftsseite, weil da sollte ja kein Zwang sein, da sollte ja
freiwillig sein.
Und das ist dann wieder dieser Lähmende, dieses Ja, aber, wo man auch von derGewerkschaftsseite, und da gibt es wahrscheinlich auch Beispiele von, wo sich Arbeitgeber nicht
vernünftig verhalten, sage ich mal. Ich habe jedes Systembedarf irgendwann einmal dem, was
ich eingangs mit Schumpeter beschrieben hatte, dieser schöpferischen Zerstörung, zumindest
mal gedanklich, dass man sagt, wie wäre es denn, wenn man es ganz anders machen würde.
Das gesagt haben, sage ich aber trotzdem, soziale Marktwirtschaft ist ein Konstrukt, was ich toll
finde, und ich war gerade wieder jetzt vor einer Woche oder vor zwei Wochen in den USA, und
wenn man sich das halt da ansieht, das ist nicht das Modell, was das schickere Modell ist,
sondern das ist ein Modell mit viel extremeren Unterschieden zwischen Arm und Reich, zwischen
Haben und Nichthaben, und mit einer ganz furchtbaren Macht mittlerweile der Hightech-
Companies, die das ja nicht nur nutzen für ihr Wirtschaftswachstum, sondern die das nutzen zur
Gestaltung eines politischen Umfeldes, was ihnen eben halt Freiheiten in einem Maße erlaubt,
wie es kapitalistisch sinnvoll sein mag, aber im Interesse der Menschenwürde nicht richtig und
nicht richtig gut ist.
Wenn man sich die Zahlen anhört, mit denen dort die Gegenkandidaten, gegendemokratische
Kandidaten von der Trump-Administration gesponsert dann durch die Hightech-Leute, selbst auf
einer Provinzebene unterstützt werden, also ein sowieso republikanischer Abgeordneter, da
lasse ich dann, wie ich drüben war, für dessen Wahlkampf dort 25 Millionen Dollar investiert
worden ist, da hat der andere, also für den republikanischen Kandidaten, der auf der Trump-Linie
war, der hat der Demokrat gar keine Chance gehabt. Und wenn Geld in dem Maße regiert, dann
ist das nicht gut. Und da ist eben halt unser Modell vom Konzept her viel, viel besser, viel
transparenter, viel gerechter, viel letztlich zielführender, auch im Sinne unserer christlichen
Fundierung.
Du hast viele, viele Jahre ja genau an dieser Schnittstelle zwischen einem amerikanischen
Denksystem und einem europäischen Denksystem gearbeitet. Hast du den Eindruck, dass das
überhaupt vermittelbar ist, was wir hier tun? Oder ist das aus, wenn man sozusagen von der
anderen Seite des Atlantik guckt, irgendwie eine komische Spielart von Sozialismus und damit zu
überwinden und abzuschaffen? Jaja, das ist nicht zu vermitteln. Also das versteht kein Mensch,
dass bei uns in den Kapitalgesellschaften, in den Aufsichtsräten Arbeitnehmervertreter sind, die
volle Stimmen haben sozusagen.
Also es gibt immer noch drüben Menschen, die sagen, wie lebt es sich denn in so einem
kommunistischen Land? Und also das ist überhaupt nicht zu vermitteln. Das ist eine ganz andere
Denkweise, die da drüben herrscht. Da sind wir völlig Exoten.
Nicht nur wir in Deutschland, sondern in Europa insgesamt. Wir sind so ein bisschen das
Altersheim der Welt irgendwo. Wir sind das Museum und Deutschland in ganz besonderem
Maße dabei.
Also das ist nicht zu vermitteln. Die ticken ganz anders. Das könnten wir jetzt noch in vielen
weiteren Podcastfolgen beliebig vertiefen.Ich finde die Feststellung nur deswegen interessant, weil wir ja daran merken, die Behauptung,
wir haben eine soziale Marktwirtschaft und wir wollen auch an dieser Grundidee festhalten, sie
weiterentwickeln, ist ja nicht banal. Sondern das ist ja schon eine deutliche Positionierung. Zum
Beispiel gegenüber dem, was wir da gerade aus amerikanischen Verhältnissen beschrieben
haben.
Absolut, absolut. Und das setzt aber voraus, dass man sich dieser Wurzeln auch bewusst ist.
Und ich hatte vorhin ja den Punkt schon gemacht, dass die künstlichen Werte, das ist ja nicht nur
der Protestantismus, sondern das ist ja eben auch die katholische Soziallehre, die uns so weit
geprägt haben, dass wir sogar in der Präambel unseres Grundgesetzes steht, im Bewusstsein
unserer Verantwortung gegenüber Gott und den Menschen.
Also da steht das ja sogar drin, das manifestiert. Dieses Bewusstsein unserer Wurzeln, das zu
tradieren und wieder neu zu diskutieren, ist eine große, große Aufgabe. Gerade vor dem
Hintergrund des enormen Verlustes, den die Kirchen an Mitgliedschaft haben, des großen
Rückgangs von gläubigen Menschen, die das gar nicht mehr sozusagen wissen, was da alles
gewesen ist, natürlich stark geprägt auch durch die Wiedervereinigung, also Ost-West, wo wir
eben eine sehr starke säkulare Beeinflussung sozusagen gehabt haben.
Und vor dem Hintergrund, dass eben halt damit das Tradieren von Werten über Familien oder
über Schulen eben halt sehr in den Hintergrund getreten worden ist, ist das ein großes Problem.
Das ist ja eine der Aufgaben, die wir im Arbeitskreis Evangelische Zeremonie haben, dass wir
sagen, wir wollen Brücken bauen, wir wollen das erklären, dass das eben halt was Gutes ist,
dass das die Grundlage für unser Wohlstand gewesen ist, diese soziale Marktwirtschaft, die
christliche Wurzeln gehabt hat. Und mein Anliegen ist nur, ich habe das ja jetzt schon ein paar
Mal gesagt, dass eben halt ist da einerseits um die ja auch von dir angesprochenen Werte, also
diese Regeln geht, um die Preisfreiheit, um die Freiheit sozusagen zu investieren und eben halt
innerhalb eines Regelwerks, aber insbesondere auch um Haltung geht, um eine christliche
Haltung, die sich ja dann auch bei christlichen Unternehmern nicht nur übersetzt, im
Bewusstsein, wo wir herkommen, sondern auch deutliche Abgrenzung in dem Sinne, dass man
eben halt, ich verhalte mich nicht nur legal, sondern ich versuche mich legitim zu verhalten, also
ich nicht nur die Gesetze einhalten, sondern ich versuche die Menschen eben halt auch
sozusagen in ihrer Persönlichkeit, in ihren Stärken und Schwächen zu erfassen und dort etwas
zu machen.
Ich mache eben halt bestimmte Dinge so am Grenzbereich von Korruption, Bestechung, Hand
nicht mit, da setze ich eine Grenze, das tue ich nicht. Ich lüge nicht, was eben halt ein Punkt ist.
Das geht bis hin zur Frage, wie ich meine Verpackungen im Konsumbereich gestalte, dass ich
eben halt statt der 100 Gramm eine größere Packung mache und nur noch 80 Gramm reintue
oder sowas.
Das sind so Kleinigkeiten, wo ich aber natürlich fragen kann. Ja, ja. nicht mehr akzeptiert und aufden Rückzug und das ist schlecht und das übersetzt sich dann mit all dem anderen, was wir
vorhin alles gesagt haben, in einer Situation, die halt mittlerweile dazu führt, dass eben halt es
der deutschen Wirtschaft nicht mehr gut geht und wir jetzt das, glaube ich, sechste Jahr einer
Rezession, also in einer Wirtschaftskrise sind.
Du hast mehrfach schon die Kraft der Zerstörung angesprochen im schumpeterschen Sinne, also
das nicht nur auf die Stabilität zu schauen und Dinge bewahren, um des Bewahrens Willen
immer wieder zu erhalten, auszubauen, zu stabilisieren, sondern auch zu gucken, welchen
Freiraum können wir uns eigentlich schaffen, indem wir, warum nicht denken, war deine
Formulierung. Wenden wir das doch mal auf die soziale Marktwirtschaft an. Also wenn wir denn
die Freiheit hätten zu sagen, wir können hier vielleicht mal ein, zwei Leitplanken aufzeigen und
sagen, in diese Richtung müssten wir uns eigentlich entwickeln, um aus dieser Idee ein
zukunftsweisendes, stärker zukunftsweisendes Modell zu machen.
Wo würdest du anfangen? Also ich würde sicherlich anfangen bei der Exekution des
Regelwerkes, also bei der Bürokratie. Also ich würde eben mal darauf setzen wollen, dass ja, wir
Verordnung und Regelung brauchen, das ist dieser Rahmen, den die soziale Marktwirtschaft
setzt, aber ich würde dann viel stärker darauf setzen, dass ich sage, in der Eigenverantwortung
der Unternehmer und der Manager wird das übersetzt. Denn, dass ich sage, ihr müsst jetzt
sozusagen dort das alles dokumentieren, was ihr da macht, ihr müsst dort sozusagen die
Computer füllen, die Clouds füllen mit den ganzen Kontrolldingen, die da sind, da würde ich
wirklich reinsetzen.
Und da gibt es ja Ansätze, ehrlicherweise. Also es gibt ja Ansätze, dass eben halt gesagt wird,
wenn eben bestimmte, wenn ich einen Antrag stelle, einen Bauantrag stelle oder irgendwas und
der nicht innerhalb bestimmter Monatsfrist abstägig beschieden worden ist, also nichts passiert
ist, dann ist der gültig, dann gilt der. Also solche, also das sind noch Insel, aber da würde ich
sicherlich ansetzen.
Das wäre für mich ein ganz wichtiger Punkt. Und andere Ansätze sind ja, dass man mal deutet,
zumindest ab einer bestimmten Höhe, so ist ja die Idee, ab einem hohen Einkommen von
175.000 Euro im Jahr auch Leute entlassen kann und sich trennen kann davon. Unser
Kündigungsschutz ist ein guter, glaube ich, den wir haben, da würde ich auch nicht rangehen
wollen, aber gilt, muss der gelten für die Hochverdiener, kann ich da nicht anders agieren? Also
und ich würde eben halt schon mehr Freiraum öffnen wollen für Kapital, was in jungen
Unternehmen reinfließt, wo eben, wie ich sagte, des Eingangs eben halt im Match-the-Capital-
Bereich die großen Summen dann nicht von uns kommen, sondern aus Amerika kommen.
Also da ist auch eine Denkweise dabei, weil Geld ist da. Und das ist alles im Rahmen des
Konzeptes unserer sozialen Marktwirtschaft machbar und realisierbar. Aber das ist eben halt
dieses, das Regelwerk ist zu, das ist total überzogen.Und das ist ein systemimmanentes Problem bei natürlich jeder Politiker. Woran misst mal ein
Politiker? Der misst sich daran, dass er sagt, ich habe wieder neue Gesetze und Verordnungen
gelassen, weil ein Unterschied gemacht wurde, alles verbesserungsfähig ist. Und dann würde ich
sagen, ja, das darfst du, aber bitte immer eben mal bei jedem Gesetz zwei andere abschaffen,
zwei andere wegtun.
Und vor allen Dingen nicht, das ist, das gilt auch für den Umweltschutz. Natürlich ist
Umweltschutz gut und natürlich ist es richtig, dass dort Umweltschutzverbände oder NGOs
Möglichkeit haben sollen, sich zu artikulieren. Aber nicht über fünf Jahre hinweg, sondern dann
über fünf Monate.
Und dann muss eine Entscheidung gefällt werden. Also dort Abläufe zu beschleunigen, wie, also
in der Politik, wie in der Wirtschaft. Ich sagte vorhin dieses Beispiel des Entwicklungs eines
Elektroautos, was bei uns eben heute 48 Monate dauert versus 21 in China.
Das gilt für Politik ganz genauso. Und das ist wieder machbar im Rahmen unseres, unserer
sozialen Marktwirtschaft. Wir haben damals die Freiburger, sozusagen der Freiburger Kreis, die
haben ja ein Modell entwickelt für eine Wirtschaftsordnung nach der Übergangswirtschaft, also
nicht direkt nach dem Kriegsende, sondern wie es dann sein sollte.
Und das war ja dann irgendwo auch die Plattform Erhard Wohlstand für alle, die dann sozusagen
den Wohlstand dann auch wirklich geschafft hat. Also ich glaube, da sich zurückzubesinnen und
auch sich zurückzubesinnen, auch das ist mir ein Anliegen, das vielleicht an der Stelle zu sagen.
Die ursprüngliche Idee, die ja auch eine ganz soziale Idee ist, dieser Bildungsgerechtigkeit der
Bildung.
Das ist ja immer diese Diskussion zwischen Gleichheit und Freiheit, die zum Teil ja wirklich ein
Gegensatz sind. Das ist ja nicht das Gleiche. Freiheit ist was anderes, aber Gleichheit meint bei
meinem Verständnis nicht, dass alle Menschen gleich sind, aber die gleichen Chancen sollten da
sein.
Und die Situation heute im Bildungsbereich bei uns ist, wenn man sich Zahlen anschaut und da
neige ich natürlich als Berater dazu, immer von Zahlen zu kommen, eine Katastrophe. Also wenn
du in einer unteren sozialen Schicht und Schicht definiert als Einkommen der Eltern und
Bildungsstand der Eltern. Wenn du in der unteren Schicht bist, ist da eine Wahrscheinlichkeit,
Abitur zu machen und hier wohnen da 10%.
Oben ist es über 80%. Also das ist einfach, da haben wir keine Bildungsgerechtigkeit und das ist
eine staatliche Aufgabe, da was zu machen und das zu verändern durch einmal andere und
bessere Systeme. Auch das ist ein sozialer Aspekt in unserer Werteordnung, denn natürlich ist
die Soziale Marktwirtschaft nicht eine Wirtschaftsordnung allein, sondern da steht ja, das ist ja
deutlich geworden, vielleicht auch durch diese Haltungsthematik, da steht ja ein Wertesystemdahinter.
Und dieses Wertesystem wird nicht in dem Maße gelebt, wie es gelebt werden sollte. Wir
kompromittieren im Grunde unsere eigene Idee an dieser Stelle, nicht? Wenn du dieses
Bildungsthema ansprichst, unser Studio ist in Leipzig. Von hier aus Luftlinie zwei Kilometer
befindet sich eine dieser Trabantenstädte, die es in vielen Ost- aber auch Westdeutschen
Großstädten gibt.
Seit vielen Jahren ist die Situation, dass über ein Viertel der Kinder in dieser Trabantenstadt die
Schule ohne einen Abschluss verlässt. Furchtbar. Und das erlauben wir uns.
Ja, es ist unglaublich. Und alle reden darüber, alle wissen das. Das ist nicht so, dass die Politiker
das nicht wissen.
Die wissen das. Und es passiert nichts. Oder es passiert zu wenig.
Das entspricht auch gar nicht unserem Menschenbild. Dieses Menschenbild, das ja die
Freiburger geprägt hat. Die Würde des Menschen in seinen Stärken und Schwächen und in dem
Anspruch, die Stärken zu stärken und die Schwächen zu reduzieren.
Das ist eine staatliche Aufgabe, da etwas zu machen, ein Schulsystem zu haben, ein
Bildungssystem zu haben, sicherzustellen, dass jeder nicht am Ende gleich rauskommt. Natürlich
nicht. Das ist alles unterschiedlich.
Die Fähigkeiten sind unterschiedlich verteilt, aber dass jeder die gleiche Chance hat, zunächst
mal einzusteigen in eine Bildung, in eine Ausbildung, um dann eben halt entsprechend der
eigenen Fähigkeit und der eigenen Wünsche und Erwartungen sich dann an der Gesellschaft zu
beteiligen. Und da haben wir ein ganz, ganz großes Defizit. Und das ist interessanterweise auch
zum Teil wirklich anders und schlechter als in anderen Ländern in dieser Erde.
Und da rede ich jetzt nicht von irgendwelchen afrikanischen Ländern oder irgendwelchen kleinen
asiatischen Ländern, sondern da rede ich von vergleichbaren Industrienationen. Da haben wir
einfach versagt bisher. Schlussfrage.
Woher nehmen wir den Mut, uns diese Freiheit zu nehmen, etwas zu ändern? Aber am Schluss
ist es halt so, dass er an meiner Seite ist. Und das ist die Hoffnung, die ich habe als Christ. Und
diese Hoffnung, die sollte mich sozusagen nicht nur in einem spirituellen Zukunftsszenario
sozusagen auf das ewige Leben hin begleiten, sondern diese Hoffnung sollte mir auch in meinem
Tagesgeschäft auch als Führungskraft den Mut geben, das Richtige zu tun und den Mut geben,
das, was eben halt schlecht ist, zu verändern und zu verbessern und das Gute zu stärken.
Peter Barenstein, ganz herzlichen Dank für diesen intensiven Austausch. Ja, war mir eine
Freude. Alles Gute.