Journal #04: Notizen aus dem Raum für Zukunft
In jedem "The Elephant": Unser ganz persönliches Journal - Michaels Notizen aus dem Raum für Zukunft.
Die Positionen sortieren sich gerade neu im Sommer 2026. Wer steht wo, wenn ein Kreis von Geschäftsführern von Familienunternehmen in unserem Workshop leidenschaftlich über bedingungsloses Grundeinkommen und Maschinensteuern diskutiert, um den sozialen Frieden zu sichern? Wer steht wo, wenn Reels ausgerechnet mit der Gesprächspartnerin durch die Decke gehen, die Korruption benennt – und zwar genau die Korruption, die wir sonst ohne große öffentliche Aufregung durchlaufen lassen? Wer steht wo, wenn ein möglicher Auftraggeber schon ersten im Kennenlerngespräch nach fünf Minuten über das Ende des Kapitalismus plaudert, als wäre es das Wetter? Was ist da jetzt links oder rechts? Was ist Aufruf zur Revolution, was Angst vor eben dieser? Ich gewinne den Eindruck, wir müssen lernen, politisch neu zu navigieren.
Die alten Kategorien haben ausgedient. Ist ja letztlich auch nicht wirklich überraschend. Wir haben es ja auch mit einer neuen Art Fragen zu tun. Während wir die letzten Zeilen dieses Journals redigieren, hält eine große Volkspartei in Berlin ein Werkstattgespräch ab, will Klimaschutz opfern und damit Industrien sichern. Die alten Antworten werden nicht besser, wenn man sie lauter vorträgt.
Eine gewagte These: Die Transformation in unseren europäischen Köpfen ist erheblich weiter fortgeschritten als Großjournalisten (bewusst ohne *) und politische Meinungsmacher (ebenso) sich das vorstellen können und wollen. Lasst sie doch keifen auf offener Bühne, wir alle würden nicht genug arbeiten – während wir schon daran arbeiten, eine Welt nach der klassischen Erwerbsarbeit des Industriezeitalters zu entwerfen. Lasst sie doch eine Grüngasquote in Gesetze schreiben, die das Verfassungsgericht am Ende ohnehin wieder herausnimmt – während wir daran arbeiten, lukrative Modelle der regionalen Energieversorgung aufzusetzen. Die Kluft zwischen Lenken und Machen wächst, als würden zwei unterschiedliche Realitäten um die Deutungshoheit ringen. Wenn wir nach Risikofaktoren für die Demokratie schauen, lohnt ein Blick auf eben den Graben zwischen diesen beiden Realitäten.
Der Krieg hält derweil an. Als hätte der Weltgeist die vorige Ausgabe unseres Journals gelesen und beherzigt. Woche für Woche wird der moderne Klassiker „Donald Trump beendet den Irankrieg doch nicht“ gegeben. Das ist wahrscheinlich der eine Gedanke, über den wir im Nachgang am häufigsten gesprochen haben: Der Krieg von heute und morgen endet nicht; der Gewinn liegt nicht im Sieg, er liegt im Management des Kriegs als Dauerzustand.
Wann haben wir eigentlich begonnen, Kriege nach der angegriffenen Seite zu benennen? Korea, Vietnam, Ukraine, Iran. Ist folglich der Informationskrieg Russlands gegen und in der EU der „Europakrieg“? Irritierend, wenn im Begriff schon deutlich würde, wie tief wir involviert sind. Wenn wir mit dem Begriff schon zugestehen würden, im Krieg zu sein. Dann müssten wir ja eine angemessene Antwort entwickeln und umsetzen. Dies ist der zweite Gedanke, der uns in den Gesprächen über den Krieg immer wieder begegnet: Wenn wir unsere Realität Krieg nennen, muss unser Verhalten auch dieser Realität entsprechen. „Weiter so“ ist raus. Ein echtes Elefanten-Thema: Einmal gesehen und benannt, geht er nicht wieder weg.
Ganz nebenbei müssen wir auf unsere Laune achten. Wer sich mit Zukunft befasst, ist ja ohnehin zu einem pragmatischen Optimismus verdammt. Warum sonst sollten wir über Zukunft sprechen, wenn nicht, um sie zu gestalten? Hier ist der Deal: Wir gehen solange davon aus, dass wir unsere Zukunft auch tatsächlich lebenswert gestalten können, bis wir es geschafft haben. Danach prüfen wir die Hypothese des Optimismus. Bis dahin lassen wir ihn uns nicht ausreden.
Leipzig, Juni 2026
Michael