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Foto: Bernd Wießner

Günther Blaich – Ist die Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze fair?

Die außerordentliche Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze und politische Debatten über das duale Gesundheitssystem sorgen für Verunsicherung in der Versicherungswirtschaft.

In dieser Episode beleuchtet Dr. Günther Blaich, Vorstand der Inter Versicherung, die Folgen für die Private Krankenversicherung, das Beihilfesystem für Beamte sowie die Rolle persönlicher Beratung im Zeitalter Künstlicher Intelligenz.

  • Politische Eingriffe in Systemgrenzen verändern die Wahlfreiheit in der Krankenversicherung: Die außerordentliche Anhebung der Jahresarbeitsentgeltgrenze schränkt den Zugang zur Privaten Krankenversicherung künftig weiter ein und erhöht die Lohnnebenkosten für Arbeitgeber sowie Arbeitnehmer. Während politische Reformen oft auf Gerechtigkeitsdebatten abzielen, liegen die eigentlichen Herausforderungen des Gesundheitssystems in der Steuerung des Facharztzugangs und Versorgungsstrukturen. Ein Primärversorgungssystem mit klarer Steuerung könnte eine effizientere Medizinversorgung ermöglichen, ohne bewährte Systemarchitekturen infrage zu stellen.
  • Die Rechtsform des Versicherungsvereins auf Gegenseitigkeit schafft langfristige Orientierung: Im Gegensatz zu börsennotierten Aktiengesellschaften fokussiert sich ein Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit (VVG) auf die nachhaltige Stabilität der Versichertengemeinschaft statt auf kurzfristige Quartalsergebnisse. Die gezielte Ausrichtung auf Kernzielgruppen wie das Handwerk, Heilwesen sowie den öffentlichen Dienst erlaubt es mittelständischen Versicherern, passgenaue Absicherungskonzepte wie moderne Beamtentarife mit hohem Leistungsstandard zu entwickeln.
  • Künstliche Intelligenz ergänzt die Kundeninformation, ersetzt aber kein persönliches Vertrauen: Obwohl Versicherte sich zunehmend mithilfe digitaler KI-Tools vorab informieren, bleibt die individuelle Beratung in komplexen Personenversicherungen unverzichtbar. Die menschliche Beziehungsebene und das Vertrauen zum Berater entscheiden maßgeblich darüber, ob langfristig tragfähige Entscheidungen für die eigene Gesundheitsversorgung getroffen werden.

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Automatisiertes Transkript der Folge lesen
Mathias Harrassowitz: Mein Name ist Mathias Harrassowitz und mein Name ist Christian Granseier. Wir sprechen heute über Gerechtigkeit, wir werden heute sprechen über gefühlte Unsicherheit, vielleicht auch das Thema Ungleichbehandlung noch mit anschneiden, so hoffe ich zumindest. Und wir sprechen über das Thema Versorgung in einem Bereich, der zumindest aufgrund aktueller Pressemeldung unseres Bundeskanzlers in letzter Zeit häufiger mal in der Presse zu sehen war. Das machen wir natürlich wie immer nicht alleine, sondern mit unserem Gast. Heute bei uns Dr. Günther Blaich von der Interversicherung. Erstmal Günther, schön, dass du da bist bei uns. Dr. Günther Blaich: Hallo Mathias, hallo Christian, freut mich da zu sein. Mathias Harrassowitz: Günther ist Vorstand Vertrieb, Marketing, Unternehmenskommunikation. Seit einer sehr langen Zeit, da kommen wir nachher noch drauf, wie lang – nicht eigengewachsen bei Inter, sondern von außen reingekommen und Meister seines Faches. Zumindest ein paar Sachen, die ich da schon gehört habe, haben mich sehr neugierig gemacht. Ich freue mich sehr darauf, wenn wir das Thema PKV, also private Krankenversicherung, vor allem die Veränderung und das, was ihr gerade sagte, gefühlte Unsicherheiten, die unser Bundeskanzler so ein bisschen geschürt hat, würde ich fast schon provokant reinschmeißen, jetzt einmal etwas näher erläutern können. Fangen wir doch direkt mal mit der Frage an. Wenn ich mir anschaue, wir haben die Beitragsbemessungsgrenzen, um überhaupt sich privat zu versichern oder in der gesetzlichen Kasse zu sein, massiv angehoben. Das betrifft euch natürlich als Versicherer, aber ich würde zumindest noch mal gleich die zweite Ebene mit interessieren. Nicht nur, was das mit euch als Versicherer macht, sondern wie siehst du persönlich diesen Punkt? Ist das eigentlich eine Verschiebung im Sinne der Gleichbehandlung? Dr. Günther Blaich: Erst mal die Eintrittsschwelle Jahresarbeitsentgeltgrenze, das steigt ja von Jahr zu Jahr über viele Jahre. Wenn man einen längeren Zeitraum betrachtet, sind das durchaus enorme Summen. Bislang war es aber immer so, dass dieser Anstieg an die Lohnentwicklung angepasst war und insofern sich zwischen den Systemen nicht unbedingt etwas verschoben hat. Jetzt ist es ja tatsächlich so im PKV- oder GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz, da ist eine außerordentliche Anhebung eingeführt worden und damit ist das natürlich eine Verschiebung der Systemgrenzen, die dort stattfindet. Ob die jetzt logischerweise oder nicht überraschenderweise aus Sicht einer PKV, ist die Verschiebung zu Ungunsten der PKV, beschränkt die Anzahl von Personen, die noch eine Wahlfreiheit haben. Die spannende Frage der Gerechtigkeit, die man aus ganz vielen Perspektiven anschauen kann, die davon eben berührt wird, das ist sicherlich eine recht spannende. Was ich spannend finde, um das mal losgelöst von der Gerechtigkeitsfrage und von der subjektiven Sicht, je nachdem aus welchem Lager ich drauf schaue: Spannend ist ja, dass genau dieser Eingriff, die Anpassung der Jahresarbeitsentgeltgrenze in der Vorarbeit der Kommission Gesundheit, die getagt hat und die Empfehlung abgegeben hat, genau nicht enthalten war. Die Wissenschaft, die da ja sehr umfassend sich mit dem Thema beschäftigt, so eine Empfehlung nicht gibt, sie aber politisch reinkommt, das ist mit Sicherheit auch noch mal eine Facette, die im Kontext einer Gerechtigkeitsfrage und Co. dann auch interessant zu beleuchten ist. Und vielleicht noch ein weiterer Punkt, wofür diese Anpassung der Jahresarbeitsentgeltgrenze erst mal führt: Anpassung der Lohnnebenkosten. In Summe ist das ein deutlicher Anstieg für Arbeitgeber und Arbeitnehmer, die höhere Lohnnebenkosten zu tragen haben, was den Faktor Arbeit belastet hat, was uns in Summe in Deutschland vielleicht nicht unbedingt einfacher macht. Und von daher das Thema Gerechtigkeit, Wahlfreiheit, die eingeschränkt wird, ja die eine Frage, die zweite dann dazu, wenn es nichtmals dazu führt, dass in Summe die Lösung jetzt da ist. Man hört ja schon, dass weiter gespart werden muss. Und Herr Linnemann als neuer Gesundheitsminister neue Sparanstrengungen herbeiführen will, dann wird es ganz spannend. Mathias Harrassowitz: Dann wird es ganz spannend, aber lass uns das mal ruhig auseinanderklappen. Das Thema Gerechtigkeit, du hast es gerade, ich unterstelle mal sehr bewusst, gleich mehrere Türen aufgemacht. Also der Bundeskanzler hat ja darüber gesprochen, das Thema Gerechtigkeit ist überhaupt diese Unterscheidung zwischen eine große breite Masse der gesetzlichen Versicherungen verhaftet, mit gefühlt immer schlechteren Leistungen und schlechteren Servicezeiten. Und ein kleiner Teil, explizit wurde ja auch noch mal im Nachgang über das Beamtentum und die Versicherung und Freiheit und Vorsorge gesprochen, hat diesen Sonderstatus. Das ist ja die eine Sicht der Gerechtigkeit. Der gegenüber ist der zweite Punkt, so habe ich das gerade verstanden, den du ja auch angegeführt hast, ist das Thema Anhebung außerordentlich der Beitragsgrenze und damit überhaupt der Möglichmachung, diese Wahlfreiheit zu haben, das eine oder andere zu haben, ist, gebe ich dir völlig recht, auch ein Gerechtigkeitsthema, nur aus einer komplett anderen Brille. Ich würde gerne zuerst einmal auf die Äußerung vom Bundeskanzler eingehen, weil die ja was ganz Grundsätzliches hat. Dieser Zusatz, ich habe ihn mir extra aufgeschrieben, er hat ja gesagt, er hat von vielen Menschen als Gerechtigkeitsproblem betrachtet, also nebeneinander PKV und GKV, und hinzugefügt: 'Ich teile die Einschätzung.' Und das war ja der Moment, wo alle aufgehorcht haben. Denn beim Bundeskanzler, wenn sie die teilen, sie sind ja in der Macht und können hier entscheiden. Jetzt interessiert mich deine Seite. Teilst du die Einschätzung, die der Bundeskanzler da gehabt hat? Kritische Frage, ich weiß, du bist auf Anbieterseite, aber kannst du es verstehen? Vielleicht ist das der Punkt. Dr. Günther Blaich: Wir haben uns ja auch durchaus intensiver damit, oder es hat uns, glaube ich, wie viele überrascht, wie das Thema eben hochkam oder dass es eben um die Ecke kam. Wir haben uns ja auch die Frage gestellt, was könnte gemeint gewesen sein, was logischerweise immer schwierig ist. Was ist in so einem Interview, in einer mit Sicherheit auch für den Bundeskanzler nicht ganz einfachen Situation aktuell, was wollte er eigentlich sagen oder zum Ausdruck bringen? Das ist natürlich in dem Fall spekulativ. Ich glaube, ein Thema, was ein Stück weit unsere Interpretation ist, aber auch das, was ich eben auch glaube: die Frage, wer hat eigentlich wann Zugang zu welchen Spezialisten, wie ist eben das Thema Termine? Das ist ja, glaube ich, ein ganz wesentliches, was wir auch tagtäglich beobachten. Und ich glaube, da braucht man nicht drum herumreden. Wenn ich mir auf Terminversorgungsseiten anschaue, wie schnell ich als Privatversicherter einen Termin kriege, dann auf der gleichen Seite meinen Status wechseln, auf einmal keinen Termin kriege oder andersherum, dann ist das mit Sicherheit ein Thema, wo man über das Thema Gerechtigkeit und wer kann sich quasi einen Zugang leisten oder darf eben der Versicherungsstatus über Zugang zu Medizin und Fachmedizin ein Stück weit entscheiden. Da bin ich... Da fällt es schwer zu sagen, das darf natürlich nur die PKV, den besseren Zugang haben und alle anderen haben recht gehabt. Kann man, glaube ich, schwer argumentieren, dass das ein gerechtes Thema ist. Die spannende Frage ist ja in der Folge: Ist es dann die Abschaffung eines dualen Systems, die dann daraus sofort gemacht wurde, oder sind es eben genau die Sachen, die ja durchaus auch in den Reformkommissionen angelegt sind oder die in den Diskussionen drin sind? Wie ist ein Primärversorgungssystem? Wer steuert eigentlich den Zugang? Wie viele Besuche haben wir bei welchem Arzt? Wer ist der Lotse im Medizinsystem? Ich glaube, das ist ja ein Themenfeld, was ich zumindest wahrnehme oder was ich höre. Steuere ich über den Hausarzt als Primärversorgungssystem den Zugang zum Spezialisten und schaffe dadurch vielleicht auch das Thema, die medizinische Versorgung nicht zu beeinträchtigen, für jeden, egal von welchem Versicherungsstatus, einen schnellen Zugang zu ermöglichen, aber in Summe auch weniger Termine oder vielleicht weniger überflüssige Termine zu haben. Denn der Name des Gesetzes, das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz, bringt das ja einher: Die Frage ist, wie viel Gesundheit und wie viel Gesundheitskosten können wir uns in den Systemen leisten, völlig unabhängig vom System. Ein Primärversorgungssystem, freien Arztzugang, damit eine bessere Steuerung, das ist so ein Stück weit unsere Interpretation und Hoffnung, dass das eben gemeint gewesen ist oder dass es insbesondere darum geht, dass wir diesen Zustand, der da vor allem zum Facharzt herrscht, nicht eben von einem Versicherungsstatus abhängig machen. Und da bin ich sehr dabei, dass es gut wäre, wenn das gelingt und es nachher wurscht ist und ich nicht beim Arzt angeben muss, ob ich Privat- oder Selbstzahler bin oder gesetzlich versichert. Mathias Harrassowitz: Also lass uns da gerne noch mal einen Augenblick reingucken, wenn dir das recht ist, denn da bin ich bei dir, das ist eines der wesentlichen großen Themen, die zu dieser gefühlten Unsicherheit geführt haben. Sehe ich genauso. Zugangsmöglichkeit, das lange Warten auf Fachärzte und alles. Jetzt hast du gerade was für mich sehr Spannendes gesagt. Ich komme ja auch aus dem Versicherungsumfeld. Mein Haus- und Hofversicherer war leider nicht die Inter, sondern ich habe in einem großen Laden gelernt, wo die DKV dazugehörte. Da war es ja schon was Besonderes, auch zu sagen, ich darf das, ich darf zu der privaten Krankenversicherung. Und das haben meine Eltern mir auch damals so mitgegeben, das ist auch richtig so, denn dadurch, dass du dafür individuell bezahlst, kriegst du halt auch individuellen Service. Das, was du gerade gesagt hast, so dieses Thema Terminvergabe und alles: Würdest du denn sagen zum Thema Gerechtigkeit, da muss mehr Hand in Hand gegangen werden zwischen GKV, PKV und wahrscheinlich den Kassenärztlichen Vereinigungen, die ja auch für eine Arztdichte zuständig sind und wo irgendwo Gelder fließen, um Zugangsmöglichkeiten zu zentralisieren und damit eine größere Gleichheit hinzukriegen? Oder ist das nur so ein erster Kurzschluss in meinem Kopf? Dr. Günther Blaich: Ich glaube oder ich fände es gut, wenn es gelingt. Die spannende Frage ist ja, wie kann es gelingen, dass eben dieser Zugang... Ich habe es kürzlich erst wieder getestet, jetzt auch nach der Aussage des Bundeskanzlers: Ich habe in meiner Heimatstadt einen Urologen gesucht, und das waren Monate an Unterschied, die ich da entdeckte. Das sollte eben nicht sein, nur weil ich privat versichert bin, dass ich schneller zum Urologen komme. Natürlich hat das alles Einschränkungen bei Notfällen und so weiter. Trotzdem ist es ja zumindest eine gefühlte Ungerechtigkeit, unabhängig davon, ob es in Notlagen in der medizinischen Versorgung wirklich einen gravierenden Unterschied macht. Aber die spannende Frage ist ja, wie kann ich es lösen? Und ist es mehr über eine Abschaffung beider Systeme, dadurch dass ich es irgendwo versuche gleichzumachen und einen Unterschied herauszunehmen? Macht das uns in Summe besser oder das Gesundheitssystem erfolgreicher, erschwinglicher, finanzierbarer? Das ist eben die Frage, wo genau die Ursachen liegen. Die liegen wahrscheinlich weniger im PKV-System als in Budgetierung und der Art und Weise, wie Leistungserbringer wann was abrechnen dürfen oder nicht. Und gleichzeitig dann auch wieder mit der Frage, was können wir uns auch als Volkswirtschaft in Summe leisten? Und wer soll es eben bezahlen, was da drinsteckt? Da sind wir wieder in einer ganz anderen Facette der Gerechtigkeitsdiskussion rund um die Systemfragen. Mathias Harrassowitz: Ich will das Thema auch nicht, obwohl du merkst, das ist schon das, was mich persönlich am meisten umtreibt, zu sehr strapazieren. Und wir haben, wie du richtig sagst, andere wichtige Punkte auch bei uns drauf. Trotzdem eine letzte Nachfrage: Wie viel Einflussnahme habt ihr denn eigentlich tatsächlich als PKV-Verband oder Gruppe, also als Versicherer, auf das Thema Gesundheit, Gesundheitspolitik, Einwirkung solcher Ideen? Weil ich weiß, die Expertenkommission spricht schon lange davon, heißt noch lange nicht, dass die Regierungen das umsetzen, egal welche bisher dran waren, zumindest nicht alles. Könntet ihr da noch mehr machen? Weil auch die Kassenärztlichen Vereinigungen kann ich da nicht alle in die Pflicht nehmen, weil die auch nur nach dem Punktesystem auf der GKV verteilen. Also da ist ja ein Systemwandel, der her müsste. Dr. Günther Blaich: Das ist eine vielschichtige Antwort. Ich versuche aber so ein paar Gedanken auch mal zu sortieren. Zum einen glaube ich, dass unser PKV-Verband als politische Sprachrohr durchaus eine Menge an Zahlen, Daten, Fakten und Statistiken transportiert und in Berlin anbringt. Wie gut und wo er Anklang findet oder nicht, ist die eine Frage. Die zweite Dimension: Wenn ich beobachte, wer in der Gesundheitskommission sitzt und wer sich mit welchem System beschäftigt, dann sind gerade in der Kommission ja Menschen, die sich insbesondere mit dem GKV-System beschäftigen. Eine Kommission fürs PKV-System als solches gibt es eben beispielsweise nicht. Und wie die Systeme auch zusammengedacht werden können, findet in dieser Kommission eher nicht statt. Das ist so ein Stück weit jetzt meine individuelle Beobachtung. Die dritte Frage: Könnten wir mehr Einfluss nehmen? Wenn ich beobachte, wie das an anderer Stelle läuft – ohne über andere Branchen zu sprechen – es gibt ja durchaus Branchen, die lobbyistisch Einfluss für ihre Zwecke nehmen. Ich nenne mal das Stichwort Pharma. Wenn ich mir anschaue, was da empfohlen war, was rausgekommen ist und was nachverhandelt wird, Stichwort vom dynamischen Herstellerabschlag zum statischen, der jetzt noch halbiert wurde, um Arbeitsplätze zu sichern – das ist etwas, was man unter lobbyistischen Aspekten vielleicht als Erfolg verbuchen kann. Wenn ich insgesamt aus volkswirtschaftlicher Sicht draufschaue und frage, was eine wissenschaftliche Empfehlung war und was daraus geworden ist, dann kommen da ein paar Fragezeichen oder ein etwas anderer Blick drauf. Aus reinem Erfolg einer Lobbyarbeit sage ich Chapeau, da ist eine ganze Menge gelungen. Ob das gut ist oder das Ziel sein muss, Interessen sehr individuell durchzudrücken, kann man aus sehr unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Christian Granseier: Ich habe der Diskussion jetzt sehr andächtig gefolgt und teile da auch die Diskussion. Ich glaube, man muss sicherlich in der jetzigen Phase aufpassen, dass diese Gerechtigkeitsdiskussion nicht am Ende auch vielleicht die strukturelle Diskussion überlagert. Weil ich glaube auch, es gibt eher inhaltliche Themen, die man diskutieren kann, die dann dazu führen, dass die Gerechtigkeit auch wieder vielleicht sichtbarer wird. Aber das ist ein anderer Weg, als wenn man von der Gerechtigkeit kommt und dann Dinge ändert. Was wir jetzt noch gar nicht so sehr beleuchtet haben, was aber vielleicht auch in diese Gerechtigkeitsdiskussion mit reingeht, ist, dass der Staat ja eigentlich ein System ändert, was aber zu Großteilen – also der Hälfte ungefähr – von seinen eigenen Mitarbeitern mit befüllt wird, also den Beamten. Und damit ist ja auch ein Großteil der Beiträge eigentlich Steuergeld. Wie bringen wir das jetzt in die Diskussion mit rein? Dr. Günther Blaich: Ja, spannend. Zum einen erstmal verfahrensseitig: Ich komme aus einem Beamtenhaushalt, bin also in der Welt großgeworden und lebe auch in einem Teilbeamtenhaushalt, weil meine Frau verbeamtet ist. Ich kenne also die Systeme. Wenn wir jetzt einmal gucken, Christian, zu der Frage bezüglich Steuergeld oder nicht: Auch da wieder meine Einordnung. Das eine ist das Thema Beihilfe. Die Beihilfe erwächst aus der Fürsorgepflicht für das Berufsbeamtentum. Das ist ein sehr breites Spektrum – vom Lehrer über die Feuerwehr, Polizeibeamte, Menschen, die ihren Dienst unabhängig und im Sinne der Gemeinschaft ausüben sollen. Und da hat der Staat irgendwann mal losgelöst vom Gesundheitssystem gesagt: Sie sollen dienstunabhängig und unbestechlich sein. Da gibt es ein Alimentationsprinzip und diese Fürsorgepflicht, aus der die Beihilfe konkret erwachsen ist. Das ist der Ursprung. Das heißt, diese Verkürzung in der Frage, es sei zur Hälfte aus Steuergeld, würde ich so ein bisschen einordnen. Und dann ist ja die Frage: Was ist eine Alternative? Der Staat als Dienstherr – wenn unterstellt wird, es gäbe kein Beamtentum, sondern es wären Angestellte –, würde auch die Hälfte der GKV-Kosten als Arbeitgeberbeitrag leisten und die andere Hälfte der Arbeitnehmer. Da gibt es unterschiedlichste Rechnungen, das kostet ebenfalls eine ganze Menge Geld. Wenn ich es mit Angestellten in der Privatwirtschaft vergleiche, ist da genau die hälftige Beteiligung. Dann sind es spannende Fragen: Wann wirkt eigentlich was? Hat das eine Dimension von Unabhängigkeit und Fürsorgepflicht? Könnte ich das anders aufsetzen und was bedeutet das für den Dienstherrn? Da kommen wir wieder in eine politische Situation: Bundesbeamte, Landesbeamte und was sind die Lasten eines Beihilfesystems heute und in der Zukunft? Wie wären Umstiege denkbar und was wären Lasten in einem angestelltenähnlichen System mit GKV? Berufsbeamtentum gibt es seit vielen Jahren, das ist etabliert. Ein schneller Wechsel oder Umstieg ist extrem schwierig, weil er sehr langfristige Auswirkungen hat. Durch das Beamtentum und das Beihilfesystem nehmen viele Menschen gewisse Vorzüge der PKV oder der Restkostenabsicherung in Anspruch. Gleichzeitig sind damit Einschränkungen verbunden – was Gehaltsmöglichkeiten, Unabhängigkeit oder Karriereperspektiven im Vergleich zur Privatwirtschaft angeht. Das ist eine vielschichtige individuelle Lebensentscheidung. Wie viel trägt das Beamtentum für den Einstieg in den Staatsdienst bei? Wie wichtig ist uns der Staatsdienst in der Bildung, bei der Feuerwehr oder Polizei? Das ist eine Diskussion, die weit über diesen Podcast hinausreicht. Christian Granseier: Du sprichst da einen wichtigen Punkt an, weil in der politischen Diskussion sehr schnell pauschalisiert wird. Wenn man genauer hinguckt, gibt es nicht nur Vorteile, sondern auch einige Herausforderungen, die aber ausgeblendet werden. Die Kosten sind nach wie vor da. Wenn dieses Szenario käme, dass zukünftig Beamte eher in die GKV gehen, was würde das für euch bedeuten? Würde das tiefgreifende Veränderungen mit sich bringen? Dr. Günther Blaich: Es ist insofern spekulativ, was genau das bedeuten würde und wie schnell ein Umstieg ginge. Wir haben einen großen Bestand und historisch viele Beamte versichert. So ein Schritt, wenn der Neuzugang sich völlig verändert, müssten wir sehr genau durchkalkulieren. Das hätte spürbare Veränderungen in unserem System und für unsere Versichertengemeinschaft zur Folge. Es hätte Konsequenzen. Ich versuche es vielschichtig zu betrachten. Es wäre ein Einschnitt, auf den wir reagieren müssten. Aber da ist noch sehr viel hypothetisch. Mathias Harrassowitz: Ich würde gerne das Thema wieder ein bisschen weiten. Auf dein Geburtsdatum geschaut gehörst du definitiv zur jüngeren Generation in Vorstandsrollen. Du kommst ursprünglich aus dem Bereich InsurTech. Wie hast du, als du von außen reingekommen bist, einen Laden wie die Inter und die Branche wahrgenommen? Gab es Punkte, wo du sagst: 'Das hätte ich vorher gar nicht gedacht'? Dr. Günther Blaich: Was ich von außen reinkommend unglaublich positiv wahrgenommen habe, ist eine extrem hohe Identifikation und Verbundenheit der Mitarbeitenden mit dem Hause Inter. Kurz nach meinem Einstieg haben wir ein 50-jähriges Dienstjubiläum gefeiert. Viele Kollegen haben hier ihre Ausbildung gemacht und ihre Heimat gefunden. Aus dem InsurTech-Umfeld war ich eine unglaublich hohe Geschwindigkeit und Kurzlebigkeit von Geschäftsmodellen gewohnt. Ein Krankenversicherer, der bald sein 100-jähriges Jubiläum feiert, hat eine ganz andere Zeitperspektive. Und das ist auch gut so, denn beim Versicherungsgedanken muss man in Jahrzehnten denken und nicht an die nächste Finanzierungsrunde. Mathias Harrassowitz: Da muss ich direkt einhaken. Ihr seid als Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit (VVG) strukturiert, nicht börsennotiert, und von Haus aus sehr branchenfokussiert unterwegs – ursprünglich Handwerk, erweitert um Ärzte und Selbstständige. Ist das ein Gap, auf das man sich vorbereiten kann, wenn man aus einem Highspeed-Umfeld in so einen ruhigen See kommt? Dr. Günther Blaich: Die Ursprungsidee unserer Krankenversicherung basiert auf einer Genossenschafts-Nothilfe der Landwirte von 1926 in Speyer. Alle Landwirte zahlten in einen gemeinsamen Topf, um dem Einzelnen in der Not zu helfen. Dieser Grundgedanke einer starken Gemeinschaft passt perfekt zum Thema Versicherung. Als VVG können wir die Gemeinschaft dauerhaft stark halten. Das ist ein schöner Gedanke und ein positives Motiv. Zudem kommt unsere Lebensversicherung aus der Versicherungsanstalt der ostdeutschen Handwerkskammern von 1910. Wir sind eng mit dem Handwerk, den Ärzten/Heilwesen und den Beamten verbunden. Durch diese klare Zielgruppenfokussierung können wir uns hervorragend an den echten Bedürfnissen unserer Versicherten ausrichten. Mathias Harrassowitz: Ihr launcht jetzt einen neuen Versicherungstarif speziell für Beamte. Platte Frage: Warum jetzt in Zeiten der größten Unsicherheit? Dr. Günther Blaich: So eine Entwicklung entscheidet man nicht vor zwei Wochen. Wir haben uns letztes Jahr intensiv damit beschäftigt, wo wir Produktentwicklung und Innovationen ansetzen wollen. Wir wollten unsere Tarife im Beamtenbereich wieder auf den neuesten Stand bringen – völlig unabhängig von politischen Unsicherheiten. Wenn man wegen eventueller politischer Diskussionen gar nichts mehr macht, entwickelt man das Unternehmen nicht weiter. Wir haben ein starkes Produkt entwickelt und können flexibel reagieren, sollte es politische Einschnitte geben. Christian Granseier: Das ist ein kompliziertes Feld. Was ist an eurem neuen Tarif anders? Dr. Günther Blaich: Unsere Strategie lautet: 'Bester Partner für Berater, gemeinsam stark für Kunden.' Wir haben die Vermittler gefragt, die täglich im Kundenkontakt stehen und die Bedürfnisse von Beamten kennen. Das Ergebnis ist ein extrem leistungsstarker Gesundheitsschutz ohne Lücken oder versteckte Beschränkungen zu einem sehr konkurrenzfähigen Preis. Gerade Menschen, die neu ins Beamtentum einsteigen – wie Beamtenanwärter –, brauchen ein verlässliches Angebot, das nicht alle Jahre wieder infrage gestellt werden muss. Christian Granseier: Kunden entdecken zunehmend KI für sich. Merkt ihr, dass potenzielle Kunden besser vorbereitet in die Beratung kommen, weil sie sich durch KI im Vorfeld durch den Tarifdschungel gearbeitet haben? Dr. Günther Blaich: Man merkt schon, dass moderne KI-Systeme genutzt werden. Aber wo man wenig Fachkenntnisse hat, hilft KI nur bedingt weiter, weil Fachbegriffe oft nicht richtig eingeordnet werden können. Ein gut informierter Kunde kann mit KI-Wissen komplexe Fragen stellen. Dennoch zählt am Ende die Beziehungsebene und das Vertrauen zum Berater, der Zusammenhänge verständlich einordnet. Bei wichtigen Lebensentscheidungen besinnen sich Menschen nach wie vor auf menschliches Vertrauen und persönliche Beratung. Mathias Harrassowitz: Das ist ein wunderschöner Schlusspunkt. Wir sollten uns in zwölf Monaten nochmal hinsetzen und besprechen, wie sich die Diskussion entwickelt hat und wie viel KI ihr selbst in der Beratung einsetzt. Dr. Günther Blaich: Da werden wir einiges zu berichten haben! Mathias Harrassowitz: Danke, dass du dir die Zeit genommen hast. Am 12.01.2027 findet zudem unser Elephant Festival in Leipzig statt, wozu du herzlich eingeladen bist. Christian Granseier: Ich gehe mit einem guten Gefühl aus diesem Gespräch. Dass die wichtige Frage am Ende doch an den Papa geht und nicht an die KI, stimmt mich sehr zuversichtlich. Dr. Günther Blaich: Wunderbar, das lassen wir genauso stehen. Vielen Dank!

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