Ihr Thema ist der gesellschaftliche Zusammenhalt, bereits in der Freiburger Denkschrift von 1943 einer der zentralen Begriffe der Wirtschaftsordnung. Stefan betont den Wert einer fair und konstruktiv gelebten Sozialpartnerschaft. Die Kunst des Kompromisses ist ein zentraler Gedanke, auf den Stefan und Michael immer wieder stoßen. Ein Podcast von Carls Zukunft in Kooperation mit dem aeu, dem Arbeitskreis evangelischer Unternehmer.
Der Podcast "Das Versprechen" diskutiert zentrale Begriffe der Sozialen Marktwirtschaft, jeweils aus unternehmerischer und theologischer Perspektive. Mit Rückgriff auf die Denkschrift des Freiburger Bonhoeffer-Kreises von 1943, einem der frühesten und prägendsten Dokumente unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, fragt der Podcast nach der Zukunftsfähigkeit der Sozialen Marktwirtschaft. Die inspirierende Geschichte der Freiburger Denkschrift, konspirativ verfasst und im Hochschwarzwald bis Kriegsende versteckt, erzählen wir hier.
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Das Versprechen, die Zukunft der sozialen Marktwirtschaft. Ein Podcast von Carls Zukunft in
Kooperation mit dem aeu. Evangelisch-Unternehmerisch.
Willkommen zurück. Michael Carl ist mein Name. Das Versprechen heißt dieser Podcast und wir
wollen weiterforschen, worin dieses Versprechen der sozialen Marktwirtschaft eigentlich liegt.
Wenn denn das Versprechen auf eine gute Zukunft einen Kernbestandteil der sozialen
Marktwirtschaft ausmacht. Wir fragen in diesem Podcast Stück für Stück Kernbegriffe ab und
wollen uns heute mit dem Thema gesellschaftlicher Zusammenhalt beschäftigen. Mir scheint so
in erster Näherung, dass es etwas, was immer viel gefordert ist, was immer gerade nicht da ist,
wenn man ihn braucht.
Und dann kann man sagen, wir brauchen doch aber mehr und oft genug Dienst der
Beschwichtigung. Über den Aspekt wollen wir gar nicht reden, sondern wir wollen uns fragen,
was ist eigentlich wirklich da und was setzt eigentlich was voraus, was führt wohin. Wir schauen
in diesem Podcast stets zweimal auf Begriffe.
Einmal aus unternehmerischer Perspektive und einmal aus theologischer Perspektive. Wir haben
schon festgestellt in den verschiedenen Folgen, so ganz trennscharf ist diese Grenze gar nicht,
sondern spannend wird es eigentlich da, wo die Perspektiven ineinander greifen. Ich habe heute
einen Gast, auf den ich mich schon eine Weile sehr freue.
Stefan Ruppert ist hier. Hallo Stefan, grüß dich. Hallo.
Drei Stichworte zu dir, den Rest kann man dann in den Show Notes nachlesen. Du bist
Arbeitsdirektor bei B. Braun Melsungen, also einem Familienunternehmen, das aber durchaus
die Dimension eines international tätigen Konzerns hat. Korrigiere mich, wenn ich das falsch
darstelle.
Du bist von Haus aus Rechtshistoriker. Ja. Und wir haben im Vorgespräch schon festgestellt,
dass wir wahrscheinlich damals, weil die Rechtshistoriker zu der Zeit an der Universität Frankfurt
mit den Theologen im selben Gebäude untergebracht waren, wahrscheinlich uns schon mal im
selben Gebäude aufgehalten haben, ohne dass wir das gemerkt haben.
Und zwischendrin hast du auch eine politische Karriere absolviert. Du hast viele Jahre im
Bundestag. Das reißt es so ab.
Ich freue mich, dass wir so unterschiedliche Perspektiven mit dir hier an den Tisch gebracht
haben. Und das werden wir jetzt mal so Stück für Stück auseinandernehmen. Was ist das Erste,
was dieser Begriff gesellschaftlicher Zusammenhalt bei dir auslöst? Dass er mich sofort
anspricht, weil ich merke, dass es etwas ist, was mir sehr, sehr wichtig ist.
Dass eine Gesellschaft nicht auseinanderdriftet und sich fragmentiert, sich in einzelne
Teilgesellschaften aufteilt, sondern dass es Marktplätze der Begegnung, Orte des Gesprächs,
des Diskurses, aber auch des Streits gibt. Und deswegen ist es ein Begriff, der mir sehr wichtig
ist. Das ist interessant insofern, weil ich könnte jetzt provokativ fragen und sagen, naja, du bist
Geschäftsführung, trägst Verantwortung für ein Unternehmen, gesellschaftlicher Zusammenhalt
kann dir ja fast zweitrangig egal sein.
Also erst einmal, ich habe da auch eine kleine Entwicklung hinter mir. Wie gesagt, ich habe eine
Wissenschaftskarriere gemacht, dann Promotion, Habilitation als Rechtshistoriker und dann
Politik. Und irgendwie hatte ich früher immer das Denken, dass diese beiden Bereiche, die Heere
Wissenschaft, die große Politik, dem Gemeinwohl und dem gesellschaftlichen Zusammenhalt
verpflichtet sind und Wesentliches dazu beitragen.
Und dass wirtschaftliches Handeln so eine Art Gemeinwohlorientierung zweiter Ordnung ist im
Vergleich zur Wissenschaft oder zur Politik. Das sehe ich heute völlig anders. Wir haben 66.000
Mitarbeiter.
Wenn ich davon viele gute mitbestimmte Arbeitsplätze in Deutschland schaffe, dann trage ich
zum gesellschaftlichen Zusammenhalt wesentlich bei. Wenn ich gute Produkte entwickle, die die
Gesundheit von Menschen auf der ganzen Welt verbessern und schützen, trage ich dazu bei.
Und von daher ist die Wirtschaft, und wir würden das hier auch so sagen, sind wir als Wirtschaft
auch Teil der Gesellschaft, Bürger der Gesellschaft sozusagen in einem kollektiven Sinne.
Ja, und deswegen glaube ich, dass die soziale Marktwirtschaft ja eben genau das
zusammenbringt. Wirtschaftliches Handeln, was immer auch eine Gewinnerziehungsabsicht hat,
verbindet mit Werten, die aber auch für die gesellschaftliche Entwicklung und den
gesellschaftlichen Zusammenhalt wichtig und positiv wirken. Das war jetzt ja fast schon eine
Gegenrede zu dem, was wir oft als Diskreditierung der sozialen Marktwirtschaft erleben, als wäre
das sozusagen, naja, eine erfolgreiche Wirtschaft kann sich dann halt leisten, auch ein paar
Almosen zu verteilen, was ja auch häufig dann behauptet wird, um dann die Almosen zu
streichen.
Also wir sind eigentlich an dem Punkt zu sagen, das ist integraler Bestandteil der sozialen
Marktwirtschaft. Das eine lässt sich ohne das andere gar nicht denken. Habe ich deinen Punkt
richtig verstanden? Ja, und wenn wir auf andere Systeme gucken, auf sozialistische Versuche
oder auch vielleicht rein am Kapitalistischen orientierte Modelle, dann stellen wir doch fest, dass
beide eigentlich entweder zu Verarmung oder zu einem Auseinanderdriften der Gesellschaft
führen.
Und dass gesellschaftliche Teilhabe und Zusammenhalt eigentlich am besten in der sozialen
Marktwirtschaft verwirklicht werden. Leider ist diese Überzeugung nicht mehr so weit verbreitet,
wie sie einmal war. Und die soziale Marktwirtschaft ist sozusagen zur bedrohten Art geworden.
Aber ich finde, es lohnt sich, sie zu verteidigen, eben weil sie eine Abkehr vom ungezügelten
Kapitalismus auf der einen Seite ist, aber auch von kollektivistischen Überzeugungen auf der
anderen Seite, die eben in Armut, Elend und oft auch in Menschenrechtsverletzungen führen. Ich
denke immer wieder über die Frage nach, ob eine, sagen wir mal, stabile Demokratie und eine
soziale Marktwirtschaft sich wechselseitig irgendwo auf Dauer für die Stabilität beider Systeme
bedingen. Das weiß ich nicht so genau, aber zumindest kenne ich kein sozusagen
kollektivistisches System, was auf Dauer gewirtschaftlichen Wohlstand geschaffen hat.
Und auf der anderen Seite kenne ich kein rein kapitalistisches System, was nicht mit sozialen
Spannungen einhergeht. Nichtsdestotrotz würden wir jetzt nicht so weit gehen zu sagen, eine
Demokratie ist außerhalb sozialer Marktwirtschaft nicht möglich. Da gibt es sicher
unterschiedliche Interpretationen dessen, was Demokratie ist.
Was ist denn zuerst da? Der gesellschaftliche Zusammenhalt oder eine Verständigung darüber,
dass soziale Marktwirtschaft ein gangbarer, sinnvoller und für uns passender Weg ist? Was setzt
was voraus? Das ist schwer zu sagen. Ich glaube nur in der deutschen Geschichte, es ist immer
schwierig, gesellschaftliche Entwicklungen alternativ zu denken. Aber wenn ich mir überlege, wie
es nach dem Zweiten Weltkrieg gelungen ist, aus der schlimmsten Katastrophe unserer
Geschichte, aus Holocaust-Erfahrungen, aus Zerstörung, Tod, Armut, Verelendung, wieder
herauszukommen, dann denke ich oft, wenn die soziale Marktwirtschaft nicht dieses
Aufstiegsversprechen, dieses Teilhabeversprechen eingelöst hätte, weiß ich nicht, ob wir die
Aufarbeitung unserer Geschichte und die Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik vollzogen hätten.
Insofern würde ich schon sagen, die soziale Marktwirtschaft war für die Akzeptanz der
Demokratie in weiten Teilen der Bevölkerung von elementarer Bedeutung. Und die
Westintegration, aber auch der gesellschaftliche Aufstieg von Menschen, die starke Mitte der
Gesellschaft, die ist eben durch soziale Marktwirtschaft entstanden. Und ich glaube, davon hat
auch die Demokratie in Deutschland sehr profitiert.
Und ich würde auch jetzt sagen, dadurch, dass die soziale Marktwirtschaft in Teilen nicht mehr
funktioniert oder in Teilen und so unter Druck steht, darunter leidet in Deutschland auch die
Demokratie und der gesellschaftliche Zusammenhalt. Also insofern würde ich schon sagen, in
unserer gesellschaftlichen Prägung der Bundesrepublik Deutschland gibt es schon starke
Wechselwirkungen zwischen Demokratie und sozialer Marktwirtschaft. Ja, gute Antwort.
Also wir haben das einfach sehr eng verknüpft. Mögen andere das anders denken. Und dann
müssen wir mit den Konsequenzen davon auch umgehen.
Du hast am Anfang gesagt, bei dir hätte da auch so ein Sinneswandel stattgefunden. Kannst du
dazu nochmal ein paar Sätze sagen? Was hat dich zu dieser Position, die du jetzt vertrittst,
geführt? Ja, ich hatte eigentlich ein Zerrbild in Teilen oder ein, Zerrbild ist zu stark, aber ein
falsches Bild von Wirtschaft. Das begegnet mir übrigens, ich bin ja sehr kirchlich engagiert, auch
in weiten kirchlichen Kreisen immer wieder, so als ob das alles Menschen sind, die nur darauf
aus sind, sozusagen den Altar ihres Egoismus zu schmücken.
Und dass hier Menschen an einer gemeinsamen Aufgabe arbeiten, dass sie es gut machen
wollen, dass sie, dass ein Arbeitsplatz, ich bin hier in Melsungen in Nordhessen, wir sind hier
eine der ganz großen Arbeitgeber, wer bei uns einen guten Chemie-Arbeitsplatz hat, also im
Chemietarif. Der arbeitet 37,5 Stunden, wir haben hier einen Standortsicherungsvertrag, dann
bringt er noch eine Zusatzstunde vielleicht, aber der verdient gutes Geld. Er hat aber auch noch
Zeit für gesellschaftliches Engagement, er sorgt dafür, dass hier Wohlstand in der Region,
Kaufkraft in der Region ist, dass Handwerker eine Aufgabe haben und so weiter.
Und ich glaube, gerade jetzt so diese Industriearbeitsplätze, die es in Deutschland noch gibt,
leider mit stark abnehmender Tendenz, die tun viel für den gesellschaftlichen Zusammenhalt,
weil nämlich die Menschen sozusagen nicht entgrenzt nur Arbeit und für nichts anderes Zeit
haben. Ich kenne ja als Jurist auch das Leben bei Beratungen oder Großkanzleien, wo man
einfach sozusagen Freitagabend erschöpft über die Ziellinie läuft und dann hofft, am
Montagmorgen oder wenn man Samstag noch arbeiten muss, dann wieder sozusagen soweit
einsatzfähig zu sein, dass man wieder das gleiche Hamsterrad absolviert. Und das ist bei uns
anders.
Es gibt eine Trennung zwischen Arbeit und Privatleben. Es gibt Zeit für Privates, auch für
gesellschaftliches Engagement. Die Menschen haben ja Auskommen, sie können sich
entwickeln, verwirklichen im Beruf und das trägt zum gesellschaftlichen Zusammenhalt und zum
Gelingen einer Gesellschaft eben sehr viel bei.
Und das habe ich früher in dem Maße nicht gesehen. Da hat sich übrigens auch ein weiterer
Gedanke meinen Blick auf die Mitbestimmung verändert, weil eine gute Mitbestimmung, wenn
sie, sagen wir mal so wie hier mit der Chemie, also IG BCE bei uns der Gewerkschaft, aber auch
der IG Metall wirklich gut funktioniert, die macht das Unternehmen von zwei Seiten besser. Das
ist ja in der Denkschrift, über die wir heute reden, auch angelegt, dass es eine Gewerkschaft, den
DGB sozusagen gibt und Arbeitgeberverbände, die an einer Sozialordnung und
Sozialpartnerschaft arbeiten.
Da hat die Denkschrift wirklich was Kluges gedacht, vorgedacht und das würde ich heute, habe
ich früher auch anders gesehen. Da habe ich Gewerkschafter genauso wie Arbeitgeber vielleicht
zu einseitig gesehen, dass es da ein gutes Miteinander geben kann in unterschiedlichen Rollen,
dass man Dinge aushandelt, dass man Kompromisse findet. Der Kompromiss ist ja so ein
bisschen diskreditiert häufig.
Ich bin ein Freund des Kompromisses. Der gute Kompromiss schafft Frieden und auch man
findet sich in ihm wieder, nicht zu 100 Prozent, aber zu einem wesentlichen Teil. Und dieser Blick
auf jetzt, bei mir kommt noch diese Perspektive Familienunternehmen dazu, Menschen wirklich
Anteilseigner, auch sich um das Wohl des Unternehmens sehr kümmern, das ist eben beste
soziale Marktwirtschaft und das trägt zum gesellschaftlichen Zusammenhalt viel bei.
Und das hätte ich mit 25 oder vielleicht auch dann in der Phase, als ich mich habilitiert habe, wo
ich dann eher so ein einseitiges Bild auf Wirtschaft hatte und Wissenschaft viel sozusagen toller,
wichtiger war und nicht so profan und Politik natürlich auch ganz wichtig war und nicht so profan.
Das hat sich bei mir jetzt so in den letzten 15, 20 Jahren gewandelt. Super spannend.
Der Verweis auf die Denkschrift des Freiburger Kreises, die wir ja hier in diesem Podcast immer
wieder zur Anregung, zur kritischen Betrachtung, zur Bewertung, zur Rate ziehen und darauf
zurückgreifen. Ich finde einen der spannendsten Kraftpunkte in dieser Denkschrift, dass sie
Freiheit immer denkt als etwas, was nicht im luftleeren Raum passiert, sondern als etwas, was in
Beziehungen passiert und worüber man reden muss und was man miteinander gestalten muss
und dann kommt man gemeinsam weiter. Und von dem, was du geschildert hast, finde ich, klingt
da ganz viel an.
Die Abkehr an das Ungezügelte jeder Art. Also für mich, in meiner politischen Überzeugung freue
ich mich über alle demokratisch Engagierten, auch in anderen Parteien, aber als Liberaler habe
ich natürlich die Freiheit sozusagen tendenziell an erster Stelle. Und deswegen muss ich mir
auch oft Gedanken machen, was heißt Freiheit eigentlich? Freiheit heißt für mich Freiheit und
Verantwortung.
Sie heißt, sie endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt. Sie ist nicht zu wechseln mit Recht
auf das Stärkere, sondern sie lässt dem Menschen den Raum, Pilotin oder Pilot des eigenen
Lebens zu sein, sich zu verwirklichen, die eigenen Träume zu leben. Das sind auch die stärksten
Antriebskräfte aus meiner Sicht.
Ich sehe das immer bei meinen Kindern, wenn denen etwas gelingt, wie sie dann strahlen, wenn
sie sich in etwas verwirklichen können, wie sie dann strahlen. Ich glaube, dass sie auch vielleicht
mal scheitern und dann lernen und wieder anlaufen und so. Aber diese Freiheit, diese allgemeine
Handlungsfreiheit, Gestaltungsfreiheit, ich glaube, die ist für mich die zentrale Triebkraft einer
Zivilgesellschaft, Bürgergesellschaft.
Und das lese ich auch aus dieser Denkschrift. Ich muss gestehen, ich hatte die jetzt nicht in allen
Zitatsbereichen parat, aber ich habe sie jetzt gerne nochmal gelesen. Sie hat die Sprache der
30er und 40er Jahre.
Sie ist geprägt von starken christlichen Überzeugungen, die ich auch habe. Aber sie, ja, du hast
es eben gesagt, sie erteilt dem Extrem eine Absage. Sie sagt, weder der Kapitalismus des 19.
Jahrhunderts noch die kollektivistischen Verführungen des 20. Jahrhunderts sind der Weg, den
die Autoren gehen wollen. Und darin ist eben auch ein Freiheitsbegriff, der nicht grenzenlos ist,
der Verantwortung in sich trägt.
Verantwortung vor Gott und für den Menschen, würde man dann an anderer Stelle sagen. Und
das hat mich so angesprochen. Das ist auch unglaublich aktuell, wenn man so ein bisschen die
Patina der Sprache abträgt.
Und darüber müssen wir jetzt, glaube ich, dringend reden, über dieses Thema. Wie aktuell ist das
eigentlich? Ich nehme oft wahr und kann eine gewisse Enttäuschung nicht verhehlen, dass die
Zukunftsdiskussionen, die wir so haben, dann auf Ebenen geführt werden wie, wir müssen alle
zwei Stunden mehr arbeiten. Wo ich denke, das wird ja noch nicht mal kategorisch den
Herausforderungen der Zukunft gerecht, abgesehen von der Frage, ob es jetzt ein oder drei
Stunden sein sollen.
Halten wir das, was wir hier jetzt auch im Rückgriff, diese frühen Gedanken zur sozialen
Marktwirtschaft sehen, halten wir das nach wie vor für ein Zukunftsmodell? Ich kann nur für mich
antworten. Bitte, ich frage ja genau dich. Ich bin allerdings gerade zunehmend in
Minderheitenpositionen.
Zum einen bin ich vollkommen überzeugt, dass, wenn wir den Menschen da ansprechen, nämlich
mit Handlungsfreiheit ansprechen, ihnen die Verwirklichung seines Lebenstraums, seiner
Vorstellungen, Familienbildung, das spielt ja in der Denkschaft eine große Rolle. Es gibt auch
moderne Familienmodelle. Ich will das nicht auf die tradierte Familie begrenzen.
Wenn wir aber den Menschen den Freiraum geben und Kraft zur Entfaltung, sie gut ausbilden,
sie zur Mündigkeit befähigen durch staatliche Schulen und so weiter, ich glaube, das ist nach wie
vor hochaktuell. Ich glaube aber, wir leben in einer Zeit, in der tendenziell eher kollektivistische,
staatszentrierte Vorstellungen auf dem Vormarsch sind. Hier in der Denkschrift wird gesagt,
Wohnungseigentum.
Wir haben eine große Enteignungsdebatte. Gegen das wendet sich die Denkschrift. Auf der
anderen Seite wollen wir jetzt nicht nur den privaten Markt überlassen.
Wir wollen Wohnungsbaugenossenschaften, wir wollen andere Modelle. Aber das, was uns
eigentlich über Jahre stark gemacht hat, das vergessen wir gerade so ein bisschen. Ich muss
auch manchmal selbst aufpassen, dass ich nicht in Pessimismus oder gar Fatalismus verfalle.
Wir müssen uns Sisyphus als einen glücklichen Menschen vorstellen, lesen wir bei Albert
Camus. Dieses Gefühl beschleicht mich manchmal, dass es gar nicht so einfach ist, den Stein
immer wieder hochzurollen. Und jetzt würde ich dir vielleicht einen Punkt widersprechen.
Wir sind in Deutschland schon auch deswegen nicht mehr wettbewerbsfähig, weil unsere
Arbeitszeiten zu niedrig sind. Das ist aber die Wahrnehmung davor, so einen einzelnen Punkt,
der Kanzler hat das ja getan, als sozusagen Heilmittel zu sehen. Und wenn ich das einfügen darf,
nur dagegen richtet sich die Polemik meiner Frage.
Ja, also es ist schon so, in den westeuropäischen Ländern arbeitet niemand so wenig jetzt wie
die Kollegen des von mir vorhin geschätzten Chemietarifvertrags. In der Schweiz arbeitet man 30
Prozent mehr, in Spanien oder in Italien unter gleichen Bedingungen 15 Prozent mehr. Bei
deutlich niedrigeren Löhnen und das führt natürlich zusammen mit Energiekosten.
Ich will da jetzt aber nicht hier auf die hiesigen Themen mit Bürokratiekosten dazu, dass eben
Industriearbeitsplätze rasant abgebaut werden. Und ich fürchte, das wird auch noch weiter
befördert. Und dass ich einen Industriearbeitsplatz für einen wesentlichen Beitrag zum
gesellschaftlichen Zusammenhalt halte, habe ich ja vorhin schon gesagt.
Also ich habe eigentlich ein flammendes Plädoyer für mehr soziale Marktwirtschaft und zwar
auch wirklich soziale Marktwirtschaft. Also nicht reine Marktwirtschaft, aber auch nicht reinen
Sozialstaat. Das ist ja auch in der Denkschrift immer wieder Thema, diese Balance.
Ist das eigentlich, du hast eben ja nicht zufällig Spanien, Italien genannt. Du trägst ja auch
Verantwortung für Menschen, die dort arbeiten, weil ihr dort mit Standorten tätig seid. Ist das
außerhalb Deutschlands überhaupt vermittelbar, worüber wir hier gerade reden? Außerhalb
Deutschlands wundert man sich sehr, dass sozusagen der europäische Musterschüler so auf
Industrie-Talfahrt ist.
Und dass man den Eindruck hat, das haben wir politisch auch selbst so bestimmt. Und eigentlich
waren wir immer Vorbild mit dualer Ausbildung. Da sind wir es auch meiner Meinung nach noch,
ist ein tolles Instrument, auf das wir wirklich stolz sein können.
Aber man wundert sich so, dass das, was Deutschland eigentlich nach dem Zweiten Weltkrieg
stark gemacht hat, nichts mehr gelten soll. Ich habe oft das Bild vom Hans im Glück, wo die
Leute sagen, ihr habt sozusagen den Goldklumpen soziale Marktwirtschaft. Und ihr tauscht ihn
so langsam weg und fühlt euch noch fröhlich dabei.
Nur was danach kommt, der Hans schreitet dann irgendwann fröhlich pfeifend durch die Welt.
Aber was danach kommt, dass er nämlich nichts mehr hat und der gesellschaftliche Wohlstand,
um das Bild mal zu übertragen, weg ist. Darauf reagiert ja unsere Gesellschaft sehr, sehr
allergisch.
Also wenn plötzlich es teurer wird, Benzin zu kaufen oder in Urlaub zu fahren oder
Lebensmittelpreise steigen oder, oder, oder. Also wenn man einen Wohlstandsverlust teilweise
auch nur graduell in Kauf nehmen soll, das wird ja als Katastrophe gesehen. Dann wenden sich
die Menschen verärgert politischen Extremen zu.
Und deswegen glaube ich, sind wir da auf einem Irrweg in Deutschland im Moment. Und wir täten
gut daran, die soziale Marktwirtschaft wieder zu stärken. Mit ihrem Aufstiegsversprechen, aber
auch mit ihrem Leistungsanreiz.
Aber auch, das will ich auch nochmal sagen, es darf nicht, wie die Letztschrift sagt, um die
Vergötzung irdischer Güter gehen. Also sozusagen Geld verdienen alleine ist eine Notwendigkeit,
aber kein absolut zu stellendes Ziel. Es gehört die gesellschaftliche Verantwortung, die
gesellschaftliche Einbettung und so weiter dazu.
Ich nehme mal deinen Begriff des flammenden Plädoyers für die soziale Marktwirtschaft auf.
Lass sie uns doch mal skizzieren. Wenn wir sagen, und dieser Analyse kann ich ein gutes Stück
folgen, zu sagen, unsere Problematik ist nicht, dass wir zu sehr soziale Marktwirtschaft gemacht
haben, sondern dass wir zu wenig soziale Marktwirtschaft machen.
Wie führt uns das in eine gute Zukunft? Die soziale Marktwirtschaft steckt ja immer dieser Begriff
des Versprechens inne. Deswegen heißt ja dieser Podcast auch so. Da ist immer die
Perspektive, ja es lohnt sich und dann kommen wir weiter.
Dann wird es besser, dann wird es menschlicher, freiheitlicher, verantwortlicher. Die soziale
Marktwirtschaft setzt unserer Wirtschaftsordnung einen guten Rahmen. Sie ermöglicht die
Entfaltung des Willens, der Motivation der Einzelnen.
Sie schafft wirtschaftliche Freiheit, aber sie setzt dann Grenzen, wenn diese wirtschaftliche
Freiheit in einen ungezügelten Kapitalismus umschwenkt oder umzuschwenken droht. Sie
verbietet Kartelle, also zumindest ihrem Ziel nach. Sie sorgt für eine gute Währungspolitik, auch
ein Thema der Denkschrift.
Sie sorgt für geordnete, das war den Autoren sehr wichtig, eine geordnete Finanzwirtschaft. Sie
sieht die Bedrohung übermäßiger Verschuldung, weil wir dann eben künftigen Generationen, und
das tun wir ja gerade massiv, wir verkonsumieren die Freiheit und die soziale Marktwirtschaft
künftiger Generationen. Wir laden immer weniger jungen Menschen immer mehr in den
Rucksack.
Und dass die dann irgendwann sagen, ihr hattet doch ein Freiheitsversprechen und wir tragen es
jetzt ab. Wir arbeiten sozusagen die Schulden, die ihr zu unseren Lasten gemacht habt ab, dass
das zu Frust führt und auch zur Abwendung von Demokratie. Und ich war ja erschreckend zu
sehen, was junge Wähler bei den letzten Wahlen zum Teil gewählt haben und in welcher Zahl.
Ich glaube, das hat ganz, ganz direkt mit der Abkehr von dem Fairnessgebot der sozialen
Marktwirtschaft, nämlich einer stabilen Finanzwirtschaft zu tun. Und leider, ich war jahrelang im
Haushaltsausschuss, deswegen bin ich davon immer geprägt. Wir kaufen uns gerade Zeit,
investieren nicht in Infrastruktur, sondern weiter in sozialstaatliche Instrumente, in die Rente.
Ich freue mich für jeden, der davon profitiert, aber alles zu Lasten unserer Kinder. Und wenn ich
sehe, welche Fehlbedarfe es in den nächsten Jahren trotz höchster Verschuldungen gibt, dann
macht der Staat eben nicht, was die Denkschrift fordert, eine stabile Ordnung zu setzen, auch da
starker Staat zu sein, wo es um diese Ordnung geht. Denn soziale Marktwirtschaft heißt ja nicht
die Abwesenheit von Staat, sondern heißt gerade, der Staat ist dort stark, wo es um wesentliche
Rahmensetzungen geht.
Bei der inneren und äußeren Ordnung, bei der Währungspolitik, bei der Finanzwirtschaft, bei dem
Verbot von Kartellen und Machtkonzentrationen. Aber er lässt da Freiheit, wo es um individuelle
Entwicklung geht. Und davon kehren wir uns leider ab und deswegen glaube ich nochmal sagen
zu können, dass das auch demokratiebedrohend wirkt.
Du hast so nebenbei den Begriff der Fairness eingeführt. Der scheint mir hier ganz zentral zu
sein und zwar nicht nur eine abstrakte, die man irgendwie behaupten kann, sondern auch eine
empfundene und öffentlich so wahrgenommene. Ist das auch eine Kommunikationsaufgabe, die
wir haben, wenn wir soziale Marktwirtschaft als Zukunftsbegriff verstehen wollen? Ja, auch in
unserer politischen Kommunikation.
Ich will nochmal die Mitbestimmung loben. Ich habe hier Betriebsräte, eine Rolle. Ich habe auch
eine Rolle.
Und jetzt kann ich die sozusagen dreimal austricksen oder mich brachial durchsetzen. Wenn ich
das vierte Mal komme, werden die sagen, also dem zeigen wir es jetzt aber auch mal. Das heißt,
ich muss mit denen Kompromisse finden, wo wir uns auch, weil wir langjährig
zusammenarbeiten, immer wieder in die Augen schauen können.
Wenn ich mir eine politische Kommunikation anschaue, dann sehe ich immer wieder, wer hat
sich durchgesetzt, wer hat verloren, wer ist umgefallen. Es wird so in 0 und 1 Kategorien geredet.
Es wird alles auch nochmal verschärft, alles entweder als Sieg oder Niederlage.
Es ist schwarz, weiß, 0, 1. Und da ist unsere Gesellschaft aufgeheizt durch dieses Denken. Und
das, ich habe vorhin schon mal gesagt, der Kompromiss ist doch etwas friedensstiftendes.
Natürlich würde ich diese Rentenreform, um jetzt mal ein aktuelles politisches Thema oder die
Gesundheit auch anders machen.
Aber es sind wenigstens mal Versuche, wieder eine einheitliche Position zu bestimmen, die auch
das Problem adressiert. Aber trotzdem, wenn ich mir dann die Medien anschaue, höre ich immer
nur von, wer hat gewonnen, hat er seine Wähler verraten und so. Also unsere Kommunikation
und Sprache ist teilweise martialisch, teilweise eben nicht kompromissfähig.
Das macht mir Sorgen. Als wäre die Diskussion um unsere politische und gesellschaftliche
Zukunft eine große Castingshow, wo immer dann einer gewinnt und der nächste wieder verliert.
Ich habe auch mal gedacht, als ich in den Bundestag kam, hatte ich so ein paar Themen.
Bei mir waren es die Staatsleistungen der Kirchen, ich wollte den Bundestag kleiner machen.
Das ist jetzt nicht ganz gelungen, wenn ich das mal so sagen darf. Das ist ja gelungen, aber
vielleicht nicht mit der richtigen, jetzt ist er ja wieder kleiner, aber die Staatsleistungen haben wir
nicht abgelöst.
Aber das würde jetzt auch zu weit führen. Aber ich habe versucht, Befriedigung daraus zu finden,
was im Gesetzblatt stand. Und ich habe den Eindruck, ich war damals parlamentarischer
Geschäftsführer, auch jüngere Kollegen, eingeführt in die Politik und es geht jetzt nicht nur um
meine Partei.
Was sich am Ende einer Legislaturperiode bewirkt hatte, das waren ja nicht hunderte von
Punkten, sondern ich habe mich gefragt, was wäre anders gewesen, wenn ich mich jetzt nicht
engagiert hätte. Dann hatte ich vielleicht drei Punkte, wo ich den Schieberegler ein bisschen
verschoben habe. Und heute sind die Anreizsysteme mediale Reichweite, sozusagen
Sichtbarkeit, Debattenhoheit, sie haben sich ins rein Kommunikative verlagert.
Und manchmal denke ich, man hat gar keine Zeit mehr für die Sache selbst, weil man sich um
ihre Vermarktung kümmern muss. Das macht mir Sorgen. Jetzt bin ich auch nicht jemand, der
einen permanenten Medienschelte betreiben will.
Das unterliegt auch eigenen Gesetzen. Aber auch hier atmet diese Denkschrift so einen Geist
von Abwägung, Ausgewogenheit, Sachorientierung, einer Sprache, die nicht ins Absolute geht,
nicht ins Maximale, die auch den anderen noch leben lässt, in seiner Sicht. Das ist so etwas, wo
ich für leidenschaftlich kämpfe, dass man sagt, der andere könnte auch recht haben.
Lass es doch mal wirken, lass es da auch mal auf dich wirken und geh dann vielleicht morgen mit
einer leicht modifizierten Position ins Rennen. Da steckt ja ein Plädoyer drin, nicht nur kurzfristig
zu denken, sondern auch einen weiteren Blick zu haben. Wir haben über die Perspektive
nächster Generation gesprochen.
Im Grunde, und ich meine das ganz positiv, verstehe mich nicht falsch, im Grunde ist das doch
auch ein Plädoyer für eine, man könnte sagen Unaufgeregtheit, aber auch so eine positive
Langeweile. Es geht nicht ums Reißerische. Es geht darum, dass man sich die Themen, die
anstehen in Ruhe anschaut und miteinander verhandelt.
Und vorher nicht Versprechungen macht, die so Latten auflegen, die ich dann eh reiße oder
unterspringen muss, sondern sage, also sehe ich manchmal hier Tarifverhandlungen. Auf beiden
Seiten muss ein Tarif sozusagen alle Nöte beseitigen und alle Probleme lösen. Das geht nicht, so
funktioniert es nicht.
Ich meine, die Denkschrift denkt ja sehr stark von der Familie her. Wie gesagt, da würde ich jetzt
sagen, haben sich auch Familienbilder gegenüber damals verändert und so weiter. Aber in
unseren alltäglichen Beziehungen sagen wir doch auch nicht, du hast Unrecht, unterwerfe dich
und tu Buße und huldige mir, sondern wir sind doch auch in Aushandlungsprozessen, wir sind in
Beziehungsarbeiten, in der Ehe, in der Partnerschaft, in der Erziehung und wir sagen nicht, jetzt
drücken wir den Knopf und dann ist alles gut in der Beziehung zu meinem Kind oder in der
Beziehung zu meinem Partner oder zu meinen Eltern, sondern Beziehungsarbeit ist notwendig
und das ist etwas, was wir aber in der politischen Auseinandersetzung irgendwo vergessen und
dann wird es absolut, dann wird es maximal und ja, auch die Sprache, wenn ich dann manchmal
auch bei Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften bin, geht dann so ins, wenn das jetzt nicht
kommt, dann geht das Licht aus und dann kommt es nicht, das Licht geht nicht aus, aber wir
haben eigentlich vergessen, an der Sache ein Stück weit weiter zu arbeiten.
Und das, ja, also ich finde, ein Staat, der sich um seine Kernaufgaben kümmert und mir dadurch
eine positive Langeweile, man könnte auch sagen, eine positive Selbstverwirklichung, der ist
nichts Schlechtes, also ich brauche nicht die politische Bühne als Entertainmentort. Wir kamen ja
vom gesellschaftlichen Zusammenhalt und kommen jetzt bei Begriffen an, wie Beziehungsarbeit,
da sind wir ja offensichtlich ganz nah bei dem Thema, was wir hier miteinander bereden. Wenn
da ein Schlüssel zu einer erfolgreichen Zukunft liegt, was sind denn, jetzt langsam zum Bogen
unseres Gesprächs, vielleicht nochmal ein bisschen handfest zu werden, was sind denn so zwei,
drei Instrumente, wo wir sagen würden, da lohnt der Blick drauf, da sollten wir uns, darin sollten
wir uns üben, um eben ein solches Mehr an Fairness, Kompromisshaftigkeit, positiver
Langeweile, Beziehungsarbeit und damit gesellschaftlichen Zusammenhalt zu realisieren.
Ich glaube, es gibt eine Vorabbedingung, wir müssten uns erstmal wieder darauf verständigen
und das ist, glaube ich, Minderheitenposition, dass die soziale Marktwirtschaft ein erstrebbares
Ziel ist. Und dass wir diesen Modus weiterleben wollen, diese Mischung aus Leistungskultur,
Anstrengung, Innovation auf der einen Seite, dann aber auch sozialer Sicherheit und Ausgleich
auf der anderen Seite. Und wenn wir, da müssen wir uns, glaube ich, erstmal darauf
verständigen.
Ich habe manchmal, wenn ich dann so, ich höre das Wort Work-Life-Balance, dann denke ich
immer, das sagt mir doch, Work ist schlecht und Life ist gut. Ich will sozusagen eine Balance
zwischen meinem eigentlichen Leben und meiner Arbeit. Jetzt würde ich erstmal sagen, das ist
ein, vielleicht auch ein bisschen ein Dreh, den ich da jetzt nehme, aber das ist ein komplett
falsches Verständnis.
Wenn Arbeit schlecht ist, sodass ich sie aus meinem Leben maximal ausschließen, eliminieren,
verringern muss, dann müssen wir über die Bedingungen von Arbeit reden. Das nenne ich jetzt
mal einen Bereich, wo ich als Arbeitsdirektor Personalvorstand für zuständig bin. Und dann
müssen wir sagen, ist dieser Arbeitsplatz in unserer Gesellschaft in der Form, wie wir ihn
ausgestalten, noch, sagen wir mal, adäquat und ist der gesundheitsschädlich oder so, dann
müssen wir dagegen vorgehen.
Aber zu tun, dieses Verständnis, eigentlich muss ich Arbeit aus meinem Leben möglichst
ausschließen, um Zeit für Life zu haben, das will ich mal ein konkretes Beispiel nennen, das ist
so grundfalsch. Wir müssen über Work reden, wenn Work unter unwürdigen Bedingungen
besteht, aber es ist kein Gegensatz zwischen Work und Life, sondern Work ist Life. Und ich
persönlich ziehe auch persönliche Zufriedenheit, wenn mir etwas gelingt, im Arbeiten daraus.
Das ist zum Beispiel eine völlige Fehleinnahme. Einen zweiten Punkt, den ich mal benennen
würde, es gibt auch das Risiko des Scheiterns. Und das ist auch nicht ein endgültiges Urteil über
einen Menschen, aber wir haben so eine Vollkasko-Mentalität sozusagen.
Scheitern ist nicht vorgesehen. Und deswegen stärken wir die Sicherungsinstrumente, die
Bürokratie. Ich sehe auch manchen behördlichen Apparat, der sagt, wenn ich jetzt nicht euch
diese Regel vorgebe und ihr missbraucht etwas, dann bin ich doch dran.
Also diese Risikoübernahme, dass man dem anderen auch etwas zutraut, auch ein Stück weit
vertraut und nicht davon ausgeht, dass er das tut, um dem anderen maximal zu übervorteilen.
Dieses Denken ist viel zu weit verbreitet und kein Denken der sozialen Marktwirtschaft.
Deswegen, Bürokratieabbau ist ein heerer Begriff, aber es geht eigentlich darum, über
Verantwortungsübernahme zu reden und verantwortlich zu sein für das, was man tut.
Und wenn man etwas Böses oder Negatives tut, dann auch zu sagen, das war nicht in Ordnung.
Es geht darum, Arbeit und Privatleben wieder in eine richtige Beziehung zu setzen. Und das sind
so Themen, an denen wir als Gesellschaft meiner Meinung nach arbeiten müssen, weil sonst der
gesellschaftliche Zusammenhalt auch durch Wohlstandsverlust bedroht ist.
Und dann wären wir wieder bei der Denkschrift. Du hast vorhin schon gesagt, da steht ja auch
der Gedanke drin, Geld alleine ist es jetzt eben auch nicht. Und dann müssen wir, auch das fehlt
mir manchmal bei so Diskussionen über zukünftigen Wohlstand.
In den Diskussionen ist Geld dann schon wieder alles. Aber ist es ja nicht. Wissen wir ja alle.
Ja, ich bin jetzt hier privilegiert, was mein Einkommen angeht, gegenüber vielen anderen. Aber
ich bin froh darüber. Aber es ist ja nicht der Kern meines Glücks.
Ich meine, natürlich reicht ja das für das. Aber noch einen vielleicht selbstkritischen Gedanken.
Dieses Denken ökonomischer Eliten, sozusagen sie arbeiten hier am Geldverdienen und alle
anderen halten sie davon ab, ist auch nicht in Ordnung.
Also ich habe in weiten Teilen ökonomischer Eliten, es wird jetzt weniger, weil man doch viel
mehr auf den Staat schaut, aber eine gewisse Politikverachtung. Oder auch
Ehrenamtsverachtung. Für sowas habe ich keine Zeit.
Also mein Arbeitsalltag, so nach dem Motto, das ist so eine Art biedermeierliches Denken, so
nach dem Motto, dieses Rote Kreuz oder die Gewerkschaft oder die Kirche oder die Kultur, das
machen die Menschen, die für sowas Zeit haben. Für sowas habe ich keine Zeit. Das ist eine
Form des elitären Negativdenkens, die ich auch kritisiere.
Also auch führende Wirtschaftsvertreter müssen daran erinnert werden, dass ohne eine stabile
Ordnung die Dinge nicht funktionieren werden. Und dass sie immer nur dann wirtschaftlich
erfolgreich sein können, wenn es einen Rechtsstaat gibt, wenn es auch einen sozialen Ausgleich
gibt in Deutschland. Und so wie wir vielleicht den einen oder anderen daran ermahnen müssen,
den Leistungsgedanken wieder zu stärken, müssen wir den anderen auch ermahnen zu sagen,
eure Gemeinwohlorientierung werden wir aber auch abfragen bei Artikel 14 mit Eigentum und so
weiter.
Irrsinnig spannender Bogen, den wir von diesem manchmal so plakativ verwendeten Begriff
gesellschaftlicher Zusammenhalt geschlagen haben und am Plädoyer für eine kräftige und
zukunftsvolle soziale Marktwirtschaft. Daran gibt es auf Basis unseres Gesprächs jedenfalls
keinen Zweifel. Stephan Ruppert, alles zu dem was du tust, Informationen jede Menge finden
sich in den Shownotes.
Ich empfehle das und habe dieses Gespräch sehr genossen, fand es sehr inspirierend. Ich danke
dir für deine Offenheit und deine Zeit. Ich danke dir auch.
Es hat Freude bereitet, über das nachzudenken, was gesellschaftlicher Zusammenhalt ist und
welche Rahmenbedingungen es braucht, um ihn zu fördern. Ich will vielleicht noch am Ende
sagen, es gibt nicht den einen Lenker, der den Zusammenhalt erzeugen kann. Wir können ihn
auch nicht staatlich induzieren, sondern jeder Einzelne von uns ist gefragt, daran mitzuarbeiten.
Genau so wollen wir es halten. Vielen Dank.